GFPS e. V. > 2003 > Tandem > Simon
Vom 01.08.2003 bis 30.08.2003 fand zum neunten Mal, organisiert durch GFPS e.V. und GFPS-Polska, ein Sprachkurs deutscher und polnischer Studierender statt.
Erstes Domizil der 18 Deutschen und 18 Polen waren die malerischen Masuren im nordöstlichen Polen. Inmitten weiter Seenlandschaften, umringt von endlosen Feldern und Wiesen verbrachten sie zwei Wochen im »Camp Rodowo«. Diese als Begegnungsstätte konzipierte Anlage bot den Teilnehmern des Kurses all die Annehmlichkeiten, die man noch aus Jugendlager-Zeiten kennt. Lagerfeuerromantik, Kajakboote, ein wunderschöner Waldsee in unmittelbarer Nähe, Volleyball, Tischtennis und eine hervorragende Bewirtung durch die polnische Küchen-Crew bildeten ein angenehmes Rahmenprogramm.
Beim ersten Zusammentreffen aller Teilnehmer bildeten sich natürlich erst einmal zwei Lager – ein deutsches und ein polnisches. Die Berührungsängste waren noch groß, der Tandem-Gedanke noch nicht verinnerlicht. Jedoch wurde dieses – eher kurzfristige – Phänomen durch die geschickten und erfahrenen Organisatoren sofort wirksam bekämpft. Die Belegung der Zimmer wurde ausgelost und paritätisch nach Deutschen und Polen aufgeteilt. Von diesem Augenblick an gab es kein Entrinnen mehr: »Tandem« war das Schlagwort.
Nach einem Begrüßungsabend mit diversen »Kennenlern-Spielchen« und einem guten »Tyskie« Bier, auf Brüderschaft getrunken, waren die Dämme schnell gebrochen. Zwar konnte man in den Folgetagen immer noch die gewohnte Grüppchenbildung beobachten, jedoch entdeckten beide Lager bald, dass gegenseitige Kontaktaufnahme – vor allem bei den Hausaufgaben – sehr fruchtbar sein kann. Da wurden dann schon einmal die Übungsblätter ausgetauscht. Die Deutschen grübelten über deutsche Sprichwörter, die Polen füllten emsig polnische Präpositionen in den Lückentext. Und da man dadurch viel Zeit gewonnen hatte, ging man danach gleich noch zusammen Schwimmen. Das war Tandem in Idealform.
Hausaufgaben gab es täglich zu erledigen, da das Lehrerinnen-Quartett immer eifrig vorbereitete. Im Ganzen gab es vier Lerngruppen: Eine Anfängergruppe und eine Fortgeschrittenengruppe. Und dies auf polnischer und auf deutscher Seite.
Nach dem Mittagessen bereiteten sich die Teilnehmer dann auf das eigentliche Tandem-Gespräch vor. Von den Lehrerinnen vorbereitete Themen bildeten die Grundlage für jedes Tandem. Die Tandem-Paare wurden dann per Losentscheid gebildet. So war die Atmosphäre im Vorfeld schon von angenehmer Spannung geprägt. Waren die Paare dann aber erst einmal ausgelost, konnte man ziemlich schnell, in enge Zwiegespräche vertiefte, Polen und Deutsche auf dem ganzen Gelände beobachten. Immer den gelben Langenscheidt oder den grünen Pons in Reichweite, falls das bisher erlernte Vokabular wider erwarten nicht ausreichte.
So ergab sich mit der Zeit ein Tagesablauf, der durch Mahlzeiten, Unterricht, Pausenkeksen, Lernen, Tandem und Sport gekennzeichnet war.
Dadurch, dass sich die lieben Herrschaften Organisatoren ebenfalls mit einbringen wollten, gab es auch diverse andere Programmpunkte, welche man auf den täglich neu erstellten Tagesplänen begutachten konnte.
So kam des weilen eine Stimmung der 24-Stunden-Rundum-Betreuung auf. Und man konnte sich nicht verwehren, um ein wenig Freizeit (czas wolny) zu betteln. Ausflüge nach Olsztyn, zur Wolfsschanze, nach Mragovo zum Volksfest, auf den größten See Polens zu einer Schifffahrt und andere Programmpunkte rundeten den schon gewöhnlichen Tagesplan angenehm ab. Jedoch muss man sagen, dass jeder dieser Programmpunkte eine freiwillige Teilnahme gestattete.
Das trotzdem immer alle 36 »Tandemnikis« mit von der Partie waren, zeigt wohl, dass das Freizeitbedürfnis doch nicht so groß war und im Zweifelsfalle von dem Verlangen nach einem sich bietenden inoffiziellem Tandem überlagert wurde. Dies konnte man vor allem während den Busfahrten beobachten.
So bildete die gesamte Mannschaft schon nach zwei Wochen ein eingespieltes Team. Braungebrannt und gut gesättigt musste man jedoch von der gewohnten Umgebung schon wieder Abschied nehmen.
Eine 16stündige Busfahrt – versüßt durch ein erquickendes Bus-Tandem – quer durch Polen in das schöne Sachsen musste überstanden werden, um die nächsten zwei Wochen des Kurses auf Schloss Oberau (bei Meißen) in Deutschland zu beginnen.
Eines wurde gleich zu Beginn deutlich: Die Wahl dieser Lokalität brachte nun ganz neue Herausforderungen für das, sich abgehärtet glaubende, Tandem-Volk mit sich. Zuerst stellte sich heraus, dass man die nächsten Tage wohl ein Dreier-Tandem anstreben sollte, da neben Deutsch und Polnisch plötzlich auch noch das Sächsische über die Teilnehmer hereinbrach.
Kaum aus dem Bus gestiegen gab es die erste Lektion von unserem – heute heißgeliebtem – Trabifahrer und »Mädchen für Alles« – Lutz. Er hieß uns herzlich willkommen und machte auf freundliche, aber bestimmte Art und Weise klar, wie der Hase läuft auf Schloss Oberau. Vor allem die schwierige Thematik der Mülltrennung entlockte beim polnischen Teil der Gruppe den ein oder anderen erstaunten Ausruf oder zumindest ein leises Zucken der Augenbrauen.
Ein zweites war die Notwendigkeit, sich von der Illusion zu befreien, man würde auf Schloss Oberau im Rittersaal speisen und vor einem großen Steinkamin genüsslich Rotwein schlürfen. Die Schlossanlage war zum größten Teil in einem sehr baufälligen Zustand. Das Schloss an sich durfte man überhaupt nicht betreten. Übernachtet wurde im sanierten ehemaligen Herrschaftshaus. Es soll jedoch nicht der Eindruck entstehen, es hätte sich rundum Resignation und Enttäuschung ausgebreitet.
Das verfallene Schlösschen, umgeben von einem überwucherten Wassergraben, flankiert von den teilweise zerfallenen Häusern der Bediensteten, sowie ein wunderschöner verwilderter Schlosspark, bot einen ganz eigenen Charme. Bei sternenklaren Nächten fanden sich die nun schon gemischt auftretenden Grüppchen am Fuße des Schlosses zusammen und lösten bei Kerzenschein Hausaufgaben, spielten Karten oder man suchte sich mit einem Tandempartner (deutsch oder polnisch) seiner Wahl eine der zahlreichen romantischen Plätze rund um das Schloss und sinnierte über Sternbilder, Persönliches oder den nächsten Tagesausflug.
Ebenso musste man sich nun darauf einstellen, dass das Essen in Zukunft selbst zubereitet werden musste. Es wurden Kochgruppen – natürlich gemischte – gebildet und mit der Tagesverpflegung beauftragt.
Was folgte, war eine Reihe von wirklich erlesensten Gerichten, da jede Kochgruppe die vorhergehende übertrumpfen wollte. Dieser Motivationsgeist in der Küche wurde noch unterstützt durch die hochgradige Besetzung der Köchinnen und Köche. Konnten doch viele ihren reichen Erfahrungsschatz heimatlicher Regionalküche unter Beweis stellen. Ebenso gab es die schöne Idee der Einrichtung von Putzgruppen, welche alle zwei Tage mit Gummihandschuhen und Mopp bewaffnet durch das ganze Haus zogen und einen spontanen Toilettengang verhinderten.
Des weiteren war der Aufenthalt in Oberau geprägt durch eine Unmenge von Mücken und einer Tandemspezialität, dem Gruppentandem.
Es wurden Gruppen zu sechs Leuten ausgelost (natürlich deutsch/polnisch) und mit einer Aufgabe betraut, die stets eine Präsentation vor der ganzen Gruppe nach sich zog. So bildeten sich gleich am ersten Montag sechs Gruppen, welche auf verschiedenste Art und Weise die Umgebung, Geschichte, und Kultur der Ortschaften Niederau und Oberau auskundschaften sollten. Der Erfolg dieser Aktion zeigte sich in einer mehrstündigen und dabei sehr unterhaltsamen Präsentation.
Ein weiteres Gruppentandem hatte die Gründung einer fiktiven Partei zum Thema. Die Aufstellung eines Wahlprogramms, das Aufhängen von Wahlplakaten und die Vorbereitung der Abschlusskundgebung riefen – wie zu erwarten – wieder ein hohes Maß an Kreativität hervor. So stellten sich unter anderem die »WTO« – Welt Tandem Organisation, die Gruppe »Burgfrieden« und die »Gurkenpartei« zur Wahl. Mit Wahlgeschenken wurde sehr freigiebig umgegangen und es wurden alle Register der Massenbeeinflussung genutzt. Der Wahlkampf an sich gestaltete sich jedoch sehr fair.
Auch an Ausflügen mangelte es nicht in diesen zwei Wochen. Leipzig, Dresden und die Festung Königstein waren Ziele der verschiedenen Reisen.
Ebenso wurde von Seite der Organisatoren versucht, vor Ort unterhaltsame und kulturell aufschlussreiche Zerstreuung für die Teilnehmer auszuloten. Offenbarte sich ein Besuch der Agrargenossenschaft Niederau noch als wenig reizvoll für die Kursteilnehmer, wurde die Besichtigung eines Weingutes mit anschließender Verkostung bei Schmalzbrot und Käse begeistert angenommen. Ein weiteres Highlight war sicherlich auch der, durch die Organisatoren gestaltete, Vampirball. Bei früheren GFPS-Sprachkursen schon etabliert, gestaltete sich auch der diesjährige Ball, im schaurig schönem Ambiente der Burgruine, als voller Erfolg. Wiederum behaupteten die Teilnehmer ihren Anspruch, eine kreative und erfindungsreiche Gruppe zu sein. Aufwendige Stylings und gewagte Maskerade brachten eine Schar furchteinflössender Vampire und Vampirinnen hervor.
Aber auch die zwei Wochen in Oberau gingen viel zu schnell vorüber.
Der letzte Abend, eingeleitet durch ein üppiges Reste-Buffet, war, der melancholischen Endzeitstimmung angemessen, als romantischer Abend angedacht. Jeder, der wollte, durfte einen Beitrag zum Abendprogramm liefern. Und weil es so schön passte, wurden in diesem Rahmen auch gleich noch die Diplome (Teilnahmebestätigungen) an das Tandem-Volk verteilt.
Als schöne Idee und Balsam für jede polnische und deutsche Seele zeigte sich das Aufstellen einer Komplimente-Box. Jeder durfte jedem anonym Komplimente schreiben, welche nach dem Abendprogramm in kleinen Tütchen ausgeteilt wurden. Und dann ging es plötzlich ganz schnell.
Es wurde noch ein wenig getanzt, die Ersten gingen ins Bett und eine kleine Gruppe verbrachte – ohne Schlaf – die Nacht in der Küche und erledigte den Riesenabwasch, bereitete darauf das Frühstück für die erste Heimfahrergruppe vor und genoss einen wunderschönen Sonnenaufgang, der die Schlossruine in gold-orangenes Licht hüllte.
Dann: Frühstücken, ein letztes Gruppenfoto vor dem Schloss, viele Umarmungen, reichlich Tränen und danach war der polnische Teil der Gruppe auch schon auf und davon. Und plötzlich wurde es ganz still auf dem Burggelände. Das Ende vier wunderschöner, intensiver Wochen war gekommen.
Zum Schluss möchte ich noch einige wichtige Bemerkungen machen.
Zuerst muss man noch einmal die Organisatoren loben, welche im Bericht bisher ein wenig kurz kamen. Sie hatten stets den Überblick und alles im Griff. Außerdem gestaltete sich das Verhältnis zwischen Tandemteilnehmern und Organisatoren von Anfang an sehr gut. Nach einiger Zeit hätte man als Außenstehender schon nicht mehr erkannt, wer denn jetzt überhaupt zum GFPS-Sprachkurs oder zur Organisatorenriege gehörte.
Des weiteren ist zu betonen, dass neben der üppigen Freizeitgestaltung natürlich auch sehr fleißig Polnisch und Deutsch gelernt wurde. Die Lernerfolge, das wird jeder Teilnehmer bestätigen, sind, vor allem durch die gelungene Kombination von Unterricht und Tandem, beträchtlich gewesen. An dieser Stelle auch noch einmal ein großer Dank an die vierköpfige Lehrerinnenmannschaft, die vollsten Einsatz gab.
Inzwischen ist der GFPS-Sprachkurs schon eine ganze Weile Geschichte, jedoch laufen im Hintergrund – via E-Mail – schon die Planungen für ein Nachtreffen und eine gemeinsame Silvesterfeier.
Unsere ausschließlich ehrenamtliche Tätigkeit steht unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. Gesine Schwan und ist vom Finanzamt Freiburg im Breisgau als gemeinnützig anerkannt. Kommentare oder Anregungen? Wir freuen uns über Deinen Beitrag.
Kontakt zur GFPS | Partner: GFPS-Polska und GFPS-CZ | Impressum
Letzte Änderung: 15.07.2008