Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS) e. V.

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Bericht über meinen Studienaufenthalt in Deutschland.

Zdeňka Konečná, Tschechien, Stipendiatin im Sommersemester 2003

Ich studiere Betriebswirtschaftslehre im Doktorstudium an der Technischen Universität in Brno in der Tschechischen Republik. Schwerpunkt meines Studiums liegt im Interkulturellen Management. Aufgrund des Stipendiums habe ich die Möglichkeit dieses Sommersemester an der Ludwig-Maximilians-Universität München studieren.

Im Laufe meines Studienaufenthalts habe ich an den Vorlesungen und Seminaren teilgenommen, die sehr eng mit meinem Thema zusammenhängen.

Ich finde die Bearbeitung dieses Themas sehr nützlich und wichtig für unsere Gesellschaft, weil meiner Meinung nach, in heutiger sich immer schneller internationalisierenden und globalisierenden Welt wächst die Anzahl der Personen, die privat oder beruflich mit Menschen aus anderen Kulturen zusammenarbeiten wollen oder müssen. Kultur kann man nach dem Professor Thomas aus Regensburger Universität als ein spezifisches Orientierungssystem auffassen. Die kulturellen Orientierungssysteme lassen sich als so genannte »Kulturstandards« festhalten. Darunter werden alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns verstanden, die innerhalb einer Kultur als normal, selbstverständlich, typisch und verbindlich angesehen werden. Jede Kultur löst gewisse Probleme auf eine spezifische Art und Weise und dies unterscheidet sie von der anderen Kultur. Personen gehen normalerweise mit Informationen, Vorbildern und Erfahrungen, die aus dem eigenen, ihnen bekanntem Kulturumfeld stammen hinaus und fügen sich in interkulturelle Interaktionssituationen hinein und verursachen damit oft Begegnungen, die als Konfliktsituationen bzw. belastend empfundene Begegnungen zu bezeichnen sind. Das Verhalten der fremdkulturellen Interaktionspartnern kann in vielen Fällen zu Mißverständnissen führen.

Herr Professor Thomas hat in seiner wissenschaftlichen Studie die Kulturstandards der Deutschen beschrieben. Ich bin wirklich sehr froh, dass ich dank meinem Studienaufenthalt die Gelegenheit gehabt habe, die deutschen Spezifika selbst erleben und beurteilen zu können.

Heute weiss ich ganz genau, dass Deutsche in ihrem Kommunikationsstil vor allem die Sachebene betonen, ihre Kommunikation explizit und eindeutig ist. Sie reden direkt und undiplomatisch, aber ehrlich und aufrichtig, ganz so, wie sie etwas eben sehen. Sie wollen sich präzise, klar und unmissverständlich ausdrücken und daher formulieren sie die Dinge, die sie mitteilen wollen, aus. Sie meinen das, was sie sagen! und sie sagen das, was sie meinen. Deutsche gehen die Dinge geradezu frontal an. Sie kämpfen argumentativ für ihre Position und schrecken vor einem klaren »nein« nicht zurück. Wenn sie etwas wollen, dann sagen sie das klar. Ich bin auch davon überzeugt, dass Deutsche Strukturen lieben und dass Zeit für sie ein wichtiges Thema ist. Deutsche scheinen von Terminen und Zeitplänen getrieben und auf Termineinhaltung gerade zu versessen.

Die meiner Meinung nach wichtigsten von gefundenen Studienergebnissen, die deutsche, tschechische aber auch polnische Kulturstandards betreffen, habe ich auf dem Stipendiatenseminar in Vlotho präsentiert. Ich war sehr froh, dass sich nach meiner Präsentation eine rege Diskussion öffnete und viele von den Teilnehmern ihre Meinung zu diesem Thema äußerten. Ich glaube, dass heutzutage ist es unbedingt wichtig, über die Problematik der Kulturunterschiede und Gemeinsamkeiten gemeinsam zu sprechen, weil Tschechien und Polen sind die Nachbar, mit denen Deutschland lange Grenzen verbinden aber auch trennen. Seit der Wende bestehen rege Kontakte und dazu werden Tschechien und Polen ab 1. Mai 2004 EU-Mitglieder sein. Gründe genug, sich näher kennenzulernen. Das Erlernen und Beherrschen von den Fremdsprachen reicht allerdings nicht aus, wirkliche interpersonale Verständigung zu garantieren. Toleranz, Interesse am Fremden, Sensibilität für Andersartigkeit und ein gewisses Maß an Anpassungsfähigkeit sind sehr gute Voraussetzungen für unsere künftige erfolgreiche Zusammenarbeit in unserem »vereinigten« Europa.

Wie schon oben erwähnt, habe ich dank den Teilnahmen an Vorlesungen und Konsultationen mehrere Fachspezialisten getroffen und ich achte wirklich sehr diese Kontakte, die ich geknüpft habe. Für alle würde ich gern Frau Prof. Sackmann und Frau Dr. Schroll-Machl nennen, die sehr entgegenkommend und hilfsbereit waren.

Aber nicht nur Akademiker habe ich kennen gelernt, sondern auch viele nette Leute und Kommilitonen, mit denen ich viel Spaß in meiner Freizeit gehabt habe. Dank meinen neuen Freunden habe ich viel Neues über Bundesland Bayern, über die Leute, die hier leben und ihre Sitten und Gebräuche erfahren. Sehr dankbar bin ich auch allen Mitgliedern meiner Stadtgruppe, weil sie mir in den ersten Tagen meines Aufenthaltes mit der Orientierung und Einleben geholfen haben und dann immer sorglich und hilfsbereit waren. Gemeinsam haben wir Stadtbesichtigungen, Radtour und Bergtour in die Alpen unternommen. Und wenn ich schon in Bayern gewesen sei, mussten wir auch zusammen Biergarten besuchen, die hier so beliebt sind und wo man den bayerischen Dialekt hören kann, den ich so niedlich finde und habe versucht, ein paar Wörter auswendig zu lernen.

Vielen Dank gehört dem Ernst Roschen für alles, was er für uns Stipendiatinnen gemacht hat. Herzlichen Dank für Aussuchen meiner Unterkunft. Ich bin in einem großen Familienhaus in München-Pasing untergebracht, wo ich mich sehr gut fühle, weil mich die andere Bewohnerschaft als Mitglied der großen Familie betrachtet. Ich schätzte auch sehr, dass ich einen täglichen Kontakt mit den Deutschen habe und damit jeden Tag meine Deutschkenntnisse nachprüfen kann. Nicht zuletzt hat dieses Haus sehr gute Lage – nur 15 Minuten brauche ich mit dem öffentlichen Verkehr bis Stadtzentrum und 20 Minuten bis zur Universität. Das Haus hat einen Garten und befindet sich nur ein paar Minuten vom Stadtpark. Dort habe ich mich beim Spazieren und Lesen an den Liegewiesen beim Bach des Namens Wurm an den Wochenenden erholt. Weil um Pasing herum sehr gute Radwege sind, bin ich oft in meiner Freizeit mit meinem Radl unterwegs gewesen. Ich bin mehrmals nach Starnberg, Dachau, Bluttenburg und die zahlreichen Seen, die in der Umgebung liegen, gefahren.

Dieser Studienaufenthalt hat mir viele neue und interessante Erkenntnisse über Leute und Leben in Deutschland, aber auch neue Ansichten an die Problematik meines Studienbereichs mitgebracht. Ich habe eigene Erfahrung der Einwohner der Europäischen Union kennengelernt und über interessante und aktuelle Probleme mit den deutschen Kollegen diskutiert. Viel Spaß haben mir auch die Zusammentreffen in Leipzig bei den Städtetagen und in Vlotho bei dem wissenschaftlichen Seminar gemacht, wo ich mehr über GFPS e.V., ihre Mitglieder, aber auch über andere Stipendiaten und ihre Projekte erfahren habe.

Zdeňka Konečná