Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS) e. V.

GFPS e. V. > Verein > Aktuell > 23.02.2008

Call For Papers

Vom 22. September bis zum 28. September 2008 findet in Dresden die GFPS Herbstakademie zum Thema „Selbst- und Fremdwahrnehmung des Ost- und Mitteleuropäischen Jahres 1968“ statt. Schon jetzt suchen wir interessierte und junge Wissenschaftler, welche zum Thema gearbeitet haben und während der Akademie einen Vortrag halten möchten. Alles weitere erfahrt Ihr hier.

CFP (Call for Paper):

„Selbst- und Fremdwahrnehmung des Ost- und Mitteleuropäischen Jahres 1968”

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit erinnerungskulturellen Themen boomt. Spätestens im Zuge der vielen Jahrestage im Zusammenhang mit dem Ende des 2. Weltkrieges 2005 ist das Thema für Historiker, Sozialwissenschaftler und Kulturwissenschaftler zu einer Art Lieblingsthema geworden.

Jedes Land hatte „sein“ Jahr 1968, und überall hatte es verschiedene Konsequenzen. In der BRD bereitete es den Boden für eine sozialliberale Ära, die vor allem auf außenpolitischer Ebene grundlegende Umwälzungen mit sich brachte. In Paris leiteten die Unruhen den Anfang vom Ende der „Ära de Gaulle“ ein. Häufig wurden diese Ereignisse als „heilsam“ empfunden und so positiv bewertet. Die Fokussierung auf Westeuropa ist hier augenfällig. In seinem epochalen Werk „Das Jahrhundert der Extreme“ lokalisiert Hobsbawm das Epi-Zentrum des europäischen Bebens von 1968 in Paris.

Die immer wieder auftauchende Fokussierung auf Westeuropa wirkt bis heute auf verschiedene Weise nach und hat zu einer Vernachlässigung Mittel- und Osteuropas geführt. Daher ist im kollektiven Gedächtnis nicht fest verankert, dass die Erfahrungen der Menschen jenseits des sog. Eisernen Vorhangs nicht denen der Westeuropäer entsprechen. Während Westeuropäer mit dem sog. Prager Frühling positive Assoziationen verbinden, verbinden die Menschen der betroffenen Länder Mitteleuropas die Aufstände von 1968 eher mit negativen Erinnerungen. Auf tschechischer Seite erinnert man sich schnell an die Apathie Westeuropas gegenüber dem Hilferuf der tschechischen Bevölkerung. Auf polnischer Seite erinnert das Jahr 1968 an die „Reste eines unüberwundenen Antijudaismus“ („Die dunklen Seiten“, FAZ vom 30. Januar 2008) - eine Wunde, die seit dem März 1968 immer noch nicht verheilt ist.

Neben der Frage der Wertung der Ereignisse von 1968 stellt sich auch die Frage des Stellenwertes in der Geschichte. Während in Deutschland und Frankreich das Jahr 1968 als eine tiefgreifende Zäsur erkannt und verstanden wurde, reiht es sich in Polen ein in eine Serie von Aufständen, der seinen Klimax 1989 erreichte. Im kollektiven Gedächtnis Westeuropas wurden die eigenen Erfahrungen auf die Ereignisse im fernen Osten übertragen, was zu einer verzerrten Wahrnehmung führte. Die Kopplung eigener Wahrnehmung und eigener Erfahrungen resultierte zu einer Fremdwahrnehmung des „mitteleuropäischen Jahres 1968“, der mit der Selbstwahrnehmung der Polen und Tschechen nur wenig gemein hat.

Die Gemeinschaft für den studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS) e. V., die sich für den interkulturellen Dialog insbesondere mit Mittel- und Osteuropa einsetzt, veranstaltet vom 22. September bis zum 28. September 2008 eine Herbstakademie, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Veranstaltungsort wird Dresden sein. Ziel der Herbstakademie ist es zu untersuchen, welche kulturellen und sozialen Faktoren die Differenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung beeinflussen. Auch sollen Bereiche aufgezeigt werden, welche als Projektionsflächen der divergierenden Erinnerungskulturellen dienen, so z.B. Kinofilme, Literatur, Historiographie oder Berichterstattung. Ziel soll unter anderem sein, über die Projektionsflächen der Erinnerungskultur Erkenntnisse über den Umgang mit den Ereignissen von 1968 zu finden. Auch ist zu behandeln, wie Fremdwahrnehmung und eigene Erfahrungen gekoppelt sind und so die Erinnerung und die Erinnerungskultur beeinflussen.

Bis zum 31. Mai 2008 wird um Vortragsvorschläge vor allem von jungen Wissenschaftlern und Doktoranden gebeten, die sich mit folgenden Themen beschäftigen:

  • Wie funktioniert kollektive Erinnerung? Nach welchen Kriterien werden erinnerungswürdige Ereignisse „kollektiv gespeichert“ bzw. andere Ereignisse „vergessen“? In welcher Affinität stehen Wahrnehmung und eigene Erfahrung?
  • Welche Bedeutung hat das Jahr 1968 in der Historiographie der BRD, Polens oder Tschechiens?
  • 1968 – ein mittel-, ein westeuropäisches oder ein ganzeuropäisches Jahr?
  • Die Rezeption der Ereignisse von 1968 in Polen und Tschechien in Westeuropa nach 40 Jahren.
  • Epochenscheide oder Banalität? Das osteuropäische Jahr 1968 in Kultur und Medien

Die Exposés sollten max. 1 Seite (Times New Roman, 1,5zeilig) umfassen. Der Vortrag selbst soll etwa 30 Minuten betragen. Den Referenten werden die Reise-, Übernachtungs- und Verpflegungskosten erstattet.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an:

Tobias Schneider: tobias.schneider@gfps.org

Yaman Kouli: Ykouli@uni-bielefeld.de

Kontakt:

Tobias Schneider

Postfach 64 42 79040 Freiburg

tobias.schneider@gfps.org

T. S.

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