Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS) e. V.

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Die GFPS als wahrhaft »Europäische Gemeinschaft«

Ansprache aus Anlass des 25. Geburtstages der GFPS e.V. am 19. September 2009 in Görlitz 1

Die Ausstellung, die hier zu sehen ist, dokumentiert 25 Jahre der Geschichte der GFPS. Als wir 1984 in einem Freiburger Studentenheim die GFPS als Verein gründeten war es kaum vorstellbar, dass es die GFPS noch 25 Jahre später geben würde.

Zeichen studentischer Solidarität

Uns ging es damals darum, ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Der Solidarität einigermaßen verwöhnter, aber sensibler und weltoffener Studenten aus dem Westen mit unseren Kommilitoninnen und Kommilitonen aus Polen, die auf der anderen Seite Europas lebten, jenseits der politischen Trennlinie, die der Eiserne Vorhang darstellte, der unser eigenes Land in zwei Teile zerschnitt.

Wir fanden es unfair, dass wir so viele Chancen hatten im Ausland zu studieren und unsere polnischen Freunde so wenig, oder besser gesagt: keine. Wir sahen ihre Neugier, die andere Seite Europas kennen zu lernen, ihren Hunger nach Kontakten, ihr Interesse an Büchern, die es zu Hause nicht gab, ihren Wunsch, ein wenig Abstand zu der damals trostlosen Wirklichkeit zu hause zu gewinnen, ein wenig frische Luft im Westen zu schnappen. Die Entstehung der GFPS fällt in die Zeit nach der Niederschlagung der Solidarność-Bewegung, die Zeit nach dem Kriegsrecht, das erst Ende 1982 aufgehoben wurde; das Land und die Gesellschaft waren gelähmt, die Luft zum freien Atmen fehlte, es mangelte an Perspektiven, es war eine Öde und Enge zu spüren. Nicht, dass die Menschen ihren Glauben an Veränderungen verloren hätten oder dass es den Machthabern gelungen wäre, die Sehnsucht der polnischen Gesellschaft nach Freiheit auszulöschen. Nein. Unter der Oberfläche war all dies noch da. Aber die Menschen in Polen waren Anfang der achtziger Jahres des vorigen Jahrhunderts müde, sie mussten mit den Schwierigkeiten des Alltags zurecht kommen, es fehlte an konkreten Perspektiven für ein besseres Morgen, politisch und wirtschaftlich.

In einer solchen Zeit war die Möglichkeit eines Studienaufenthaltes in Deutschland, – genauer muss man sagen in Westdeutschland – für Studierende aus Polen wie das Öffnen eines Fensters, durch das frische Luft hineinkam, wie der Zugang zu einer erfrischenden Quelle, an der sie sich stärken konnten, wichtige Erfahrungen sammeln und Wissen erwerben, Kontakte und Freundschaften schließen konnten; um all dies bereichert es dann einfacher war nach der Rückkehr das Leben zu bestehen, denn es waren neue Horizonte eröffnet, es waren viele Brücken geschlagen worden.

Stipendiengeber als Gastgeber

Offizielle Stipendienprogramme für Studierende aus Polen funktionierten aber damals aus politischen Gründen nicht. Wir in Freiburg Studierende wollten das nicht einfach als unabänderlich hinnehmen. Wir sahen diese Situation als persönliche Herausforderung an, auf die wir eine Antwort geben wollten, unsere höchstpersönliche Antwort. Sie bestand aus der Aktion 30x20, aus der sich dann die GFPS als Verein entwickelte. So waren 30 deutsche Studierende, die fünf Monate lang jeweils 20 DM bezahlten, quasi die Gastgeber eines Studenten oder einer Studentin aus Polen. Dies war am Anfang also sehr stark eine ad hoc Aktion, um konkrete Menschen aus Polen einzuladen (wie Lech Ostasz, der erste »reguläre« GFPS-Stipendiat). Es zeigte sich schnell, dass diese Formel einer etwas anderen Stipendienorganisation, die sehr stark auf zwischenmenschliche Kontakte und Gemeinschaft baut, diese vielleicht sogar in den Mittelpunkt stellt, Zuspruch aus anderen Städten jenseits von Freiburg erhielt und auch dort dezentral umgesetzt werden konnte. In Mainz, Regensburg, Tübingen, München, Heidelberg, Bonn, Köln – die GFPS-Idee verbreitete sich rasch von Süden nach Norden der Bundesrepublik. Die Überschaubarkeit, die Abwesenheit von Bürokratie, die Möglichkeit sich selbst direkt einbringen zu können, diese Art studentischer Selbstverwaltung trug stark zur Attraktivität der GFPS bei und half, engagierte Leute zum Mitmachen zu finden.

Überwindung der Teilung Europas im Kleinen

Indem wir damals polnische Studierende einluden, haben wir aber auch politisch etwas bewirkt, wir haben Löcher in den Eisernen Vorhang gebohrt, wie wir es in den damaligen GFPS-Broschüren nannten. Wir haben uns von diesem Eisernen Vorgang nicht entmutigen lassen, nicht abhalten lassen von dem, was wir als richtig und notwendig empfanden. Wir haben die Teilung Europas als etwas Schmerzhaftes empfunden, als etwas Unnatürliches als etwas, das eigentlich nicht sein darf. Ich spürte diesen Schmerz geradezu physisch, wenn ich auf Fahrten nach Polen zuerst von den DDR-Grenzern an der innerdeutschen Grenze und dann nochmals von DDR-Grenzern und polnischen Grenzern an der Grenze zwischen DDR und Polen kontrolliert wurde, was manchmal in ein intensives Filzen ausartete, wo z. B. jede Schallplatte, die ich in meinem Gepäck hatte, aus dem Cover genommen wurde, um zu prüfen ob sich in darin nicht ein illegales Flugblatt oder dergleichen befand. Teilweise wurden mir auch die Hosentaschen von DDR-Grenzbeamten geleert und irgendwelche Zettel, die ich darin hatte, konfisziert. Auf einem Zettel waren Notizen, die ich mir bei einem Treffen mit polnischen Freunden im Krakauer Cafe Jama Michalika über ein geplantes Seminar gemacht hatte, das den Titel tragen sollte »Perspektiven für ein postsowjetisches Europa«. Als sie dies lasen, fragten mich die Grenzbeamten, ob ich geistesgestört sei und ich antwortete: »Man wird ja noch Visionen haben dürfen.« Dies geschah Mitte der achtziger Jahre.

Jede Studentin, jeder Student, der oder die dank unserer GFPS in den achtziger Jahren aus Polen kommen konnte, war für uns Ermutigung weiter zu machen; dadurch wurde nach unserem Empfinden jedes Mal der Eiserne Vorhang ein Stück durchlässiger. Wir fanden es geradezu spannend, dass dies nicht von der großen Politik von oben bewirkt wurde, sondern dass wir kleine Studenten es waren, die diese künstliche Teilung von unten her aufweichen konnten. Wir wollten die Dinge in unsere eigenen Hände nehmen und die Erfahrung, dass wir dabei durchaus Erfolg hatten, machte auch einen Stück des Reizes aus, der die GFPS für uns war. Johannes Masing, der 1983/84 mit zur siebenköpfigen GFPS-Initiativgruppe gehörte – heute ist er Bundesverfassungsrichter – hat dies in einem Interview mit dem GFPS-Rundbrief (April 1997) einmal so zum Ausdruck gebracht: »Für mich war der entscheidende Reiz der Mitarbeit bei der GFPS, dass hier politisch gegen den Stachel gelöckt werden konnte. Wir arbeiteten zum einen gegen ein unfreies und autoritäres System und konnten dessen Strukturen ein kleines Stück weit unterlaufen, indem wir eine eigene private Auswahlstruktur zumindest in Ansätzen auf die Beine brachten und private Einladungen aussprachen. Zum anderen vermochten wir damit mehr als die indolente Phlegmatik der bundesdeutschen Politik, die protestlos zusah, wie das polnische Wissenschaftsministerium, alle von ihr bereitgestellten Mittel für solche Stipendien verfallen ließ.« Ich habe meine Rede bei der Gründungsfeier von 1984 nicht mehr finden können, aber ich erinnere mich noch sehr genau, dass ich die GFPS damals als »Manifestation des Willens zur Einheit Europas« bezeichnet habe. Großes Pathos, aber sehr ernst gemeint. In anderen Texten, die ich in alten Unterlagen gefunden habe äußerte ich mich ähnlich: Im März 1984 schrieb ich »Wir bauen mit dieser Sache gleichzeitig ein zwischenmenschliches Netz auf, welches Menschen in Ost- und Westeuropa miteinander verbindet. An einer kleinen Stelle ist ein Loch in den Eisernen Vorhang gerissen« und 1985, mehr oder weniger am ersten Geburtstag der GFPS, formulierte ich mit einfachen Worten einen ungeheuren Anspruch: »GFPS ist ein großes Werk, das auf die Überwindung der Teilung Europas ausgerichtet ist« um dann doch etwas bescheidener hinzuzufügen: – »und sei es nur in einem kleinen Bereich«. All dies macht deutlich, dass die GFPS von Anfang an gesamteuropäisch gedacht hat, in den Kategorien des einen Europas, dessen künstliche Teilung überwunden werden muss. Gerade in diesem Jahr, in dem der 20. Jahrestag des Mauerfalls begangen wird, ist es schön daran erinnern zu können – und wir können wohl auch etwas stolz darauf sein – dass die GFPS schon fünf Jahre zuvor, nämlich 1984, diese Einheit Europas im Auge hatte und praktisch dazu beigetragen hat, entgegen aller so genannter Realitäten. Ich habe in meinen Kisten auf dem Speicher, von denen Andreas Lorek in seinem schönen Artikel für den Jubiläumsband berichtet, auch die Teilnehmerliste eines Seminars gefunden, das die GFPS schon 1983, damals noch nicht als registrierter Verein auf dem Fachschaftshaus der Universität Freiburg auf dem Schauinsland im Schwarzwald veranstaltet hat. Es trug den Titel »Wege zur Überwindung der Teilung Europas«. Ihr findet auf dieser Liste nicht nur den Namen von Olaf Górski, der heute unter uns ist, also seit über 25 Jahren bei GFPS mitmacht. Ihr findet dort auch Róza Thun, die im Juni aus Krakau ins Europäische Parlament gewählt wurde. Ist diese Tatsache nicht ein Symbol dafür, wie weit sich unsere damaligen Hoffnungen auf die Überwindung dieser Teilung 25 Jahre später realisiert haben? Polen ist seit fünf Jahren in der Europäischen Union, wir können hier in Görlitz ohne Grenzkontrolle nach Zgorzelec hinüberspazieren. Für viele mag dies schon selbstverständlich sein; diejenigen unter uns, die die Zeiten vor 1989 durchlebt haben, versetzt dies immer noch in Erstaunen. Als ich gestern Abend mit Jola Kozlowska, der polnischen Generalkonsulin – die früher viele Jahre so etwas wie die Seele der Freiburger GFPS Stadtgruppe und des damit verbundenen Deutsch-Polnischen Zentrums war – durch die Görlitzer Altstadt spazierte und wir die Fußgängerbrücke nach Polen sahen, empfanden wir durchaus so etwas wie Glück und Dankbarkeit angesichts dieser fundamentalen Veränderungen in den letzten 20 Jahren.

Leider nicht mehr unter uns

Beim näheren Durchsehen der Teilnehmerliste des Schauinsland-Seminars fiel mein Blick auf zwei Namen von Menschen, die nicht mehr unter uns sind: Edith Heller, die viel zu früh verstorbene, unvergessene deutsche Korrespondentin in Polen, die sich in ihrer Freiburger Studienzeit besonders um die Pressearbeit der GFPS gekümmert hat, und Wojciech Chudy, der Lubliner Philosoph und große Freund der GFPS, der die Lubliner Auswahlkommission der GFPS in den Anfangsjahren leitete und den allerersten Artikel über die GFPS in einer polnischen Zeitung schrieb, 1984 im Tygodnik Powszechny. Leider sind sie nicht die einzigen GFPS-ler, die nicht mehr am Leben sind; vor einigen Jahren starb die Pianistin Edith Picht-Axenfeld, Mitglied des GFPS-Unterstützerkreises, die unzählige Benefizkonzerte für die GFPS gegeben hat; einige Jahre zuvor kam ihr Sohn Clemens Picht zusammen mit seiner Frau Christel Zahlmann, und ihrer kleinen Tochter Luise bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Beide waren sehr aktiv im GFPS-Vorstand und der Freiburger Stadtgruppe und haben – so weit ich mich erinnern kann – uns überhaupt erst in Kontakt mit der Bosch Stiftung gebracht. Herbert Rixgen, ein weiterer Ur-GFPSler aus Freiburg kam ebenfalls tragisch ums Leben. Anna Domanska, die viele Jahre in der Freiburger Stadtgruppe mitwirkte, starb vor einigen Jahren. Aus dem GFPS-Unterstützerkreis ist der Priester und Philosoph Professor Jozef Tischner aus Krakau im Jahre 2000 verstorben. Im Zug hierher las ich einen Nachruf auf Ula Utzig aus der Stadtgruppe Münster, die vor zehn Jahren im Alter von nur 26 Jahren starb. An einem solchen Geburtstag der GFPS sollten wir alle diese Menschen, denen die GFPS viel zu verdanken hat, nicht vergessen, auch solche, die ich nicht genannt habe.

Nach dem Mauerfall ging es erst richtig los

Manche in der Gründergeneration – mich eingeschlossen – waren sich nicht sicher ob die GFPS nach dem Mauerfall noch raison d'etre oder wie man polnisch sagt eine racja bytu hat, ob sie nicht angesichts der politischen Entwicklungen überflüssig wird. Denn immerhin funktionierten nach der Wende die offiziellen Stipendienprogramme von DAAD und anderen ja tadellos. Die 20 Jahre der Existenz der GFPS nach dem Mauerfall zeigen, dass sie sehr wohl noch eine Daseinsberechtigung hatte; mehr noch, dass sie danach eigentlich erst richtig in ihrer Entwicklung loslegte. Nicht nur durch immer neue Stadtgruppen, auch in der früheren DDR, den neuen Bundesländern, sondern vor allem auch durch Partnervereine in Polen und Tschechien. Der 10. Geburtstag der GFPS, den wir 1994 auf einem polnischen Schloss dem als kleinen Wawel bezeichneten Schloss Baranów Sandomierski feierten, war zugleich die Geburtsstunde der GFPS-Polska, die von ehemaligen polnischen GFPS-Stipendiatinnen und Stipendiaten ausging. Kaum bekannt ist, dass dies keine leichte Geburt war. Im Vorfeld hatte es schwere Auseinandersetzungen im GFPS-Umfeld in Krakau darüber gegeben, ob die Partnerorganisation »professionell« und hauptamtlich gemanagt werden sollte oder ob man sich an dem von der deutschen GFPS bekannten Prinzip der ausschließlich ehrenamtlichen Arbeit orientieren sollte. Die »Professionalisten« waren vorgeprescht und hatten eine Organisation gegründet, obwohl die interne Diskussion in Krakau noch nicht abgeschlossen war geschweige denn eine breitere Konsultation unter ehemaligen GFPS-Stipendaten aus anderen polnischen Städten stattgefunden hatte. Es ist das bleibende Verdienst von Artur Kluczny, dass er ermutigt von der deutschen GFPS diesen fait accompli nicht einfach hinnahm, sondern gemeinsam mit Kinga Lezanska und anderen Ex-Stipendiaten geduldig an dem Konzept einer polenweiten Partnerorganisation arbeitete, die dann schließlich in Baranów Sandomierski 1994 als »GFPS-Polska« aus der Taufe gehoben wurde. Daher können wir hier auch den 15. Geburtstag dieser GFPS-Polska feiern. Schön, dass Artur Kluczny und Krysia Kozlowska, die bei der Gründungsversammlung zu 1. bzw. 2. Vorsitzenden der GFPS-Polska gewählt wurden, heute hier sein können. Dank der GFPS-Polska konnten dann auch Stipendien in die andere Richtung vergeben werden an Deutsche, die eine Zeit lang in Polen studieren wollten. Wenn ich es richtig sehe, hat dies auch der deutschen GFPS enormen Auftrieb gegeben, weil sich von da an viele deutsche Ex-Stipendiaten für ein Engagement in der GFPS-Deutschland entschieden. Und einige Jahre später, vor zehn Jahren, kam dann auch noch der Austausch mit tschechischen Partnern dazu, die sich der GFPS-Familie anschlossen, vor einigen Jahren auch dem Namen nach. Das 20. Jubiläum der GFPS e.V. war schließlich auch der Startschuss für die Stipendienvergabe an Studierende aus Belarus und damit einer Erweiterung der Aktivitäten nach Osten, was angesichts der politischen Lage in diesem Land von besonderer Bedeutung ist. Dies war alles schon lange nach meiner aktiven Zeit im GFPS-Vorstand, die bereits am 5. Geburtstag der GFPS endete, den wir 1989 in Köln unter dem Motto »GFPS – Aufbruch von unten« feierten. Die Kölner Stadtgruppe mit Gabi Lesser und Marek Zmiejewski, die beide hierher nach Görlitz gekommen sind, war damals Gastgeber.

GFPS macht Europa erfahrbar

Auch an der Entwicklung der GFPS kann man eines ablesen: der Mauerfall, der Abbau des Eisernen Vorhangs ist eine Sache, das wirkliche Zusammenleben und Zusammenwachsen in Europa eine andere. Der Mauerfall passierte in einer Nacht, das Zusammenwachsen Deutschlands und Europas aber ist ein langwieriger Prozess. GFPS, dieses Mal meine ich die ganze GFPS-Familie einschließlich der polnischen und tschechischen Partner, (die GFPS) ist Teil dieses Prozess einer Zusammenarbeit von unten in Teilen Europas, die bis vor 20 Jahren politisch getrennt waren. Nur durch solche Zusammenarbeit, Begegnung und Austausch zwischen Europäern, wird Europa überhaupt lebendig, überhaupt als Europa erfahrbar. Wenn Deutsche, Polen, Tschechen jeweils unter sich bleiben, spüren sie gar nicht, dass sie in Europa sind, dass sie Europäer sind. Sie kennen nur sich selbst, ihr eigenes Selbstverständnis, ihre eigene Kultur und Geschichte, ihre eigene nationale Befindlichkeit. Erst wenn sie sich auf ihre Nachbarn einlassen, deren Befindlichkeit, Geschichte und Kultur kennen lernen, vielleicht sogar deren Sprachen erlernen, (wie es in der GFPS so vorbildlich geschieht) erweitert sich der eigene Horizont (Gadamer würde sogar sagen, dann verschmilzt der eigene Horizont mit dem des Anderen), dann wird die eigene Sichtweise in Frage gestellt, um die Sichtweise des Anderen bereichert. Um Europa war es immer dann gut bestellt, wenn der geistige, kulturelle und wirtschaftliche Austausch zwischen den Europäern blühte. Und Europa ging es immer dann schlecht, wenn sich die Nationalstaaten und Völker gegeneinander abschotteten, den Austausch verweigerten, und viele Menschen dann den Demagogen und Hetzern im eigenen Land hinterherliefen, die nichts von guten Beziehungen mit den Nachbarn wissen wollten, umso mehr aber von Expansion und Unterwerfung anderer Völker.

Europa ist also weit mehr als ein statischer geographischer Begriff; Europa wird nur erfahrbar – ich möchte diesen Gedanken nochmals betonen – wenn etwas zwischen Europäern abläuft, die sich etwas zu sagen haben und dabei vieles Gemeinsame entdecken, wie auch das Verständnis von sich selber weiter entwickeln. Man könnte sagen: GFPS ist zum Raum dieses Zwischen geworden und insofern ist sie eine zutiefst europäische Bewegung, auch wenn sie nur drei oder vier europäische Länder umfasst, wenn ich Belarus einmal dazurechne. Europa lebt, wächst und blüht, wenn es viele solcher Zwischen-Räume gibt, viele solcher Initiativen von unten, wie es die GFPS ist. Europa ist an erster Stelle da, wo Europäer verschiedener Völker etwas miteinander anfangen, sich etwas zu sagen haben, sich versuchen, zu verstehen, gemeinsam handeln, füreinander Verantwortung übernehmen, ihre eigene Freiheit, aber auch ihren eigenen Wohlstand mit Anderen teilen. Die eigentliche europäische Musik spielt also viel eher in der GFPS als in Brüssel.

EU lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann

Es mag erstaunen, dies aus dem Munde eines Beamten der Europäischen Kommission zu hören. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass wir in den Brüsseler EU-Institutionen nur für die Rahmenbedingungen sorgen können, die den Europäern das Leben erleichtern sollen, z. B. durch die Herstellung eines Binnenmarktes von 27 Staaten, der in sich schon eine ungeheure Leistung darstellt, das Schengen-System (was hier in der Grenzregion besonders spürbar ist) durch den Euro, oder Rahmenbedingungen, die es ermöglichen gemeinsame Probleme wie den Klimaschutz gemeinsam anzupacken. Wir (in Brüssel) haben aber keinen Einfluss darauf – und Gott sei Dank ist das so – ob und wie die Menschen in Europa von den Möglichkeiten Gebrauch machen, die ihnen die Europäische Union bietet, ob sie sich entschließen, in einem anderen EU Land zu studieren oder zu arbeiten, vom Binnenmarkt zu profitieren, ob sie ein Interesse an anderen europäischen Ländern entwickeln und diese bereisen, ob sie sich also im weiteren Sinne an einem wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Austausch in Europa beteiligen oder nicht. Bildlich gesprochen: die EU kann den Bau einer Brücke über die Oder finanzieren, ob Menschen allerdings dann darüber gehen und sich gegenseitig besuchen, liegt nicht in der Macht der EU-Institutionen. In anderen Worten: Brüssel kann nur Rahmenbedingungen schaffen, es kann aber nicht garantieren, dass die Menschen europäisch denken. In Abwandlung eines berühmten Satzes meines Freiburger Lehrers Ernst-Wolfgang Böckenförde könnte man sagen: »Die Europäische Union lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann.« Welches sind diese Voraussetzungen? Die Hauptvoraussetzung ist, dass ein gewisser europäischer Geist bei und zwischen den Europäern herrscht, dieses Interesse am Nachbarn, von dem ich sprach, dieses über den eigenen nationalen Horizont hinausblicken, die Fähigkeit, auch einmal in die Schuhe der Anderen zu schlüpfen, diese Bereitschaft, gemeinsame Herausforderungen in Europa allererst zu erkennen und dann gemeinsam die Probleme anzupacken und zu gestalten. Umgekehrt heißt europäischer Geist: nicht anfällig werden für allzu simple nationalistische Parolen, nicht gefangen sein in der Enge des eigenen Geschichtsbilds, oder der eigenen Egoismen, der eigenen Partikularinteressen, nicht zuzulassen, dass diese der einzige Maßstab des eigenen Handelns sind, sondern im Gegenteil zu versuchen, diese Interessen mit den Interessen der Nachbarn zu bündeln, auf intelligente Weise zu synthetisieren, eine Interessengemeinschaft zu bilden. Auf dem Weg hierher habe ich in einem GFPS-Rundbrief ein Zitat gefunden, das gut widerspiegelt, worin eine solche Interessengemeinschaft besteht: »Die Lage von Europa ist heute so, dass ein Volk unmöglich den Weg des Fortschritts getrennt von den anderen Völkern beschreiten kann, ohne sich selbst und somit die gemeinsame Sache zu gefährden.« Das Zitat stammt von Adam Mickiewicz aus dem Jahre 1849. Er verstand es, europäisch zu denken. Ein solches europäisches Denken, ein solcher europäischer Geist lässt sich aber nicht erzwingen, nicht von oben herab gestalten, er muss selbst zwischen den Europäern wachsen. Wächst er nicht, was die EU nicht garantieren kann, da diese eine gesellschaftliche Aufgabe ist, dann ist die EU in Gefahr.

GFPS: Schule des europäischen Geistes

GFPS ist vergleichbar mit einer Schule, in der man diesen europäischen Geist lernen und praktizieren kann. Initiativen wie die GFPS tragen dazu bei, dass das gesellschaftliche Fundament, auf dem die Europäische Union ruht, nicht wegbricht. Ohne einen solchen europäischen Geist bei den Bürgerinnen und Bürgern, wie auch bei den politisch Verantwortlichen, laufen die europäischen Verträge ins Leere, die europäischen Institutionen sind dann wie ein Motor im Leerlauf, der sich dreht, aber nichts nach vorne bringen kann, weil es an der Übertragung fehlt. Der europäische Geist sorgt für diese Übertragung, er ist der Nährboden, auf dem Europa erst richtig gedeihen kann. Ohne den europäischen Geist ist die Europäische Union in der Gefahr zu verdorren, auszutrocknen. Daher braucht die EU Initiativen wie die GFPS mindestens so sehr wie den Lissabon-Vertrag, der nun hoffentlich bald in Kraft tritt (wenn es die irischen Wähler und der tschechische Präsident erlauben).

Ehrenamtliches Engagement Schlüssel zum Erfolg

Die GFPS wäre nie 25 Jahre alt geworden ohne das ehrenamtliche Engagement von Hunderten von GFPSlern vieler Generationen von Studierenden. Einem Außenstehenden mag die GFPS wie ein mirakulöses perpetuum mobile erscheinen. Wir wissen nur all zu gut, dass es so etwas nicht gibt, dass nichts automatisch und nichts selbstverständlich ist, dass die GFPS nur dank des enormen Engagements vieler Menschen weitermachen kann, die ihre Zeit und Kraft für diese wahrhaft »Europäische Gemeinschaft« einsetzen. Hier muss eine große Motivation mit im Spiel sein. Ich denke sie kommt daher, dass die GFPS jeden und jede, die mitmacht um Erfahrungen bereichert, die anderswo nicht so einfach zu machen sind, um Freundschaften, die bleiben, um ein spezifisches Gemeinschaftsgefühl, das nicht aus Gefühsduselei oder wegen einer bestimmten Programmatik existiert, sondern aus einem gemeinsamen Erleben und Handeln erwächst, aus etwas, was man wohl auf Englisch als shared responsibility bezeichnen würde, einer gemeinsam empfundenen und praktizierten Verantwortung für Menschen im Nachbarland, für die Entwicklung in Europa, gerade vor dem Hintergrund einer äußerst belasteten und belastenden Geschichte, die uns in den Tagen nach dem 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges so deutlich vor Augen steht. GFPS ist insofern auch eine mit Hoffnung erfüllende Antwort junger Menschen auf all dies, was in diesem barbarischen Krieg geschehen ist, einschließlich der sich daraus ergebenden Teilung Europas. Sie ist gewissermaßen das Gegenmodell zu dem, was Hitler und Stalin sich ausgedacht und angerichtet haben. Ich wollte nicht zu ernst werden, aber diese Zusammenhänge zwischen unserem 25. Geburtstag und dem 20. Jahrestag des Mauerfalls sowie dem 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges drängen sich in diesen Tagen doch auf.


So lasst uns dankbar sein für diese 25 Jahre der Entwicklung der GFPS, für diese 25 Jahre der Entwicklung in Europa seit 1984. GFPS hat sich als wahrhaft europäische Gemeinschaft erwiesen. Ich denke, es ist nun Zeit, dass wir uns gemeinsam die Ausstellung über 25 Jahre der Geschichte der GFPS ansehen. Es gibt für jeden und jede sicherlich vieles zu entdecken!


  1. Dies ist die leicht überarbeitete Fassung der in Görlitz gehaltenen Rede (mit einigen Kürzungen,aber auch einigen Ergänzungen) ↩︎

Georg Ziegler