Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS) e. V.

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Standpunkte - Stanoviska - Punkty Widzenia

»Standpunkte – Stanoviska – Punkty Widzenia«

Wenn Menschen verschiedener Nationen und Kulturen sich begegnen, stellen nicht nur die unterschiedlichen Sprachkenntnisse ein Kommunikationshindernis dar. Es ist vor allem das kulturell anders geprägte Verhalten des Gegenüber, das uns Rätsel aufgibt. Auch in der gemeinsamen Arbeit und im nachbarschaftlichen Zusammenleben von Tschechen, Deutschen und Polen spielen daraus entstehende Missverständnisse eine große Rolle. Die Fähigkeit zur interkulturellen Kommunikation ist daher grundlegend für das gegenseitige Verständnis und die Zusammenarbeit der Menschen dieser drei Nationen.

In dem Seminar der GFPS und der Brücke/Most-Stiftung in Dresden konnten die Teilnehmer aus Tschechien, Polen und Deutschland lernen, Probleme der Interkulturellen Kommunikation zu erkennen, adäquat auf sie zu reagieren und dabei nicht nur das Verhalten des Anderen, sondern auch ihr eigenes besser zu verstehen.

T. H.


Projektbericht

»Standpunkte – Stanoviska – Punkty widzenia«
Seminar zur Interkulturellen Kommunikation zwischen deutschen, tschechischen und polnischen Studierenden.

1. Ort, Datum, Teilnehmer

Das Seminar zur Interkulturellen Kommunikation fand von Montag, dem 17. März, bis Samstag, den 22. März 2003, im Studienhaus der Brücke/Most-Stiftung in Dresden statt. Das Seminar richtete sich an deutsche, tschechische und polnische Studierende aller Fachrichtungen im Grundstudium, die einen Studienaufenthalt in einem der zwei Nachbarländer planten.

2. Ausführende Organisationen

Die GFPS e.V. – Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa – ist ein von Studierenden getragener, ehrenamtlich organisierter Verein, der seit 1984 den wissenschaftlichen, kulturellen und persönlichen Austausch zwischen Polen und Deutschland über die Durchführung eines Stipendien- und Seminarpogrammes fördert. Seit dem Beginn der Zusammenarbeit mit der Tschechischen Republik (1998) ist das Programm der GFPS trinational ausgerichtet. Die im deutsch-tschechischen Bereich tätige Brücke/Most-Stiftung zur Förderung der deutsch- tschechischen Verständigung und Zusammenarbeit bietet Seminare und kulturelle Veranstaltungen an und verfügt über ein eigenes Tagungshaus, in dem das Seminar statt fand.

3. Zielsetzung

Das Seminar diente der Sensibilisierung der TeilnehmerInnen für Probleme in der interkulturellen Kommunikation zwischen Deutschland, Polen und Tschechien, um nicht nur das Verhalten ihres kulturell anders geprägten Gegenübers, sondern auch ihr eigenes besser verstehen zu lernen. Darüber hinaus widmete sich ein wichtiger Teil des Seminars der Unterstützung gruppendynamischer Prozesse zwischen den TeilnehmerInnen und der Entwicklung eigener Projektideen in einer Ideenwerkstatt, um sie so zu langfristiger Zusammenarbeit untereinander sowie mit der GFPS und der Brücke/Most-Stiftung zu animieren. Vor dem Hintergrund einer heute noch sehr begrenzten trinationalen Zusammenarbeit der drei Länder, die in naher Zukunft von der Grenze in die Mitte einer erweiterten Europäischen Union rücken werden, leistete das Seminar somit einen Beitrag zur Ausbildung von ExpertInnen für zukünftige deutsch-polnisch-tschechische Projekte.

4. Programmablauf

Das Programm gliederte sich in drei Blöcke, die jeweils verschiedene Methodiken und Erfahrensbereiche der interkulturellen Kommunikation angesprochen haben. Seminarbegleitend spielte es eine wichtige Rolle, dass die Teilnehmer sich in der trinationalen Gruppe fortwährend in interkulturellen Kommunikationsituationen befanden, deren Schwierigkeiten sie zu lösen hatten. Dabei spielten auch sprachliche Verständigungsprobleme eine wichtige Rolle, sind diese doch im Alltag oftmals Kristallisationspunkt interkultureller Konflikte. Deshalb spielte bei dem Seminar die Sprachmittlung zwischen den drei Sprachen polnisch, deutsch und tschechisch eine wichtige Rolle. Zwei Sprachmittlerinnen waren fortwährend anwesend, die die Aufgabe hatten, Verständigungsproblemen zu begegnen und Beiträge zu übersetzen, die nicht auf deutsch geäußert wurden. Die Anwesenheit der Sprachmittlerinnen erwies sich als sehr gut. Zum einen waren sie in der Lage, flexibel auf die jeweiligen Seminarmethoden und Schwierigkeitsgrade des behandelten Themas zu reagieren. Zum Teil übersetzen sie für alle laut und konsekutiv. Bei weniger schwierigen Themen übersetzen sie flüsternd für diejenigen Teilnehmer, die sprachlich schwächer waren. Das »Angebot« der Sprachmittlerinnen war immer vorhanden und die Teilnehmerinnen nahmen es nach Bedarf in Anspruch. Im Unterschied zum Konzept der reinen Übersetzung dürfen die Sprachmittlerinnen sich selber in den Arbeitsprozess einbringen, dürfen erklären, zusammenfassen und relativ frei übersetzen. So wurden sie in dem Seminar zu einem wichtigen Bestandteil der Gruppe und blieben keine Fremdkörper. Das führte dazu, dass das Übersetzungs- und Hilfsangebot auch ohne Zögern angenommen wurde und kein Teilnehmer sich schämte, dadurch seine Sprachschwäche zuzugeben. Das spricht auch für eine positive Gruppendynamik, die sich sehr schnell entwickelt hat, wie sich bei den Teambuilding-Einheiten dann zeigte.

Im Rahmen der GFPS e.V. wurde das Konzept der Sprachmittlung erstmalig angewandt und kann für weitere Projekte empfohlen werden, um sprachlich schwächere Teilnehmer mit einzubinden.

4.1. Seminarprogramm

Montag, 17. März

Bis 18.00h
Anreise, Abendbrot
19.30 – 21.30 h
Gegenseitiges Kennenlernen
Vorstellung des Programms
Vorstellung der Brücke/Most- Stiftung und der GFPS e.V.

Dienstag, 18. März

8.00 – 9.00 h
Frühstück
9.00 – 13.00 h
Deutsch-polnisch-tschechische Sprachanimation
(mit Kaffee- und Teepause)
Bárbora Procházková
13.00 h
Mittagessen
15.00 h – 19.00 h
Basistraining Kultur und Konflikt – Teil 1
(mit Kaffee- und Teepause)
Karl-Heinz Bittl
19.00 h
Abendbrot
20.30 h
Bunter deutsch-tschechisch-polnischer Abend

Mittwoch, 19. März

8.00 – 9.00 h
Frühstück
9.00 – 13.00 h
Basistraining: Kultur und Konflikt – Teil 2
(mit Kaffee- und Teepause)
Karl-Heinz Bittl
13.00 h
Mittagessen
15.00 h – 19.00 h
Erklärungsmodelle zur Interkulturellen Kommunikation
Prof. Steffen Höhne
19.00 h
Abendbrot
20.30 h
Stadtralley in Dresden

Donnerstag, 20. März

8.00 – 9.00 h
Frühstück
9.00 – 10.00 h
Sprachanimation
10.00 – 13.00 h
Ideenwerkstatt
13.00 h
Mittagessen
15.00 h – 17.00 h
»Projektkonferenz«
17.00 h – 17.30 h
Kaffee- und Teepause
17.30 – 18.30 h
Materialkunde für das Klettern
19.00 h
Abendbrot
 
Danach freier Abend

Freitag, 21. März

7.00 – 8.00 h
Frühstück
8.00 h
Abreise – Teamerlebnis Natur
Abends
Festliches Abschlußbuffet in der Villa

Samstag, 22. März

8.00 – 9.00 h
Frühstück
9.00 – 10.00 h
Sprachanimation
10.00 – 11.00 h
Vorstellung des follow-up Programms
11.00 – 11.15 h
Kaffee- und Teepause
11.15 – 13.00 h
Auswertung des Seminars
13.00 h
Mittagessen, anschließend Abreise

4.2. Erster Block – Sprachanimation

Ein wichtiges Thema für die Interkulturelle Kommunikation wie auch speziell für die dreisprachige Seminargruppe ist das der Sprache. Der Seminarleitung war es wichtig, mittels mehrerer Einheiten der Sprachanimation den Teilnehmern die jeweils fremden Sprachen nahe zu bringen. In den Übungen konnte man sich mit den fremden Sprachen auseinander setzen, Wörter und Redewendungen lernen, die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen, wie auch die Unterschiede herausfinden. Dadurch, dass in der Sprachanimation jeder Teilnehmer jede der drei Sprachen gesprochen hat, wurde die Dominanz des Deutschen gebrochen – eine Dominanz, die die interkulturelle Verständigung regelmäßig erschwert. Sprachanimationsspiele sind zudem dynamische und lustige Spiele, die ebenfalls den Gruppenbildungsprozess unterstützen.

4.3. Zweiter Block: 1. Teil – Basistraining Kultur und Konflikt

Für diese Einheit wurde der Sozialpädagoge Karl-Heinz Bittl (Conflict-Culture-Cooperation, Nürnberg) gewonnen, der einen Nachmittag und den anschließenden Vormittag zu Gast war. Thema dieser Seminareinheit war die Analyse und das Verstehen von Konflikten, die zuerst einmal kulturungebunden funktionieren. In einem zweiten Schritt wurde darauf eingegangen, wie Konflikte in verschiedenen Kulturen unterschiedlich gelöst werden: Wie funktioniert Kultur im Konflikt? Was sind kulturelle Konflikte? Und wie kann man ihnen begegnen? In diesem Zusammenhang wurden die Verhaltensbegrenzungen, die die eigene kulturelle Sozialisierung einem Menschen auferlegt, mit dem Konzept der sog. »kulturelle Botschaften« erklärt.

Am zweiten Abend und im Rahmen dieser Einheit »Basistraining Kultur und Konflikt« entstand innerhalb der Seminargruppe ein Konflikt um die Sprachmittlung und Übersetzung, der letztendlich eine positive Auswirkung hatte, da die Teilnehmer anhand seines Gegenstandes und Verlaufs die kulturelle Gebundenheit eines Konfliktes erkennen konnten. Dass die Teilnehmer während des Seminares einen größeren interkulturellen Konflikt selbst erlebten, führte dazu, dass das Thema besser verstanden wurde. Durch die Einigung und die Erkenntnis, dass einige Teilnehmer sprachlich schwächer waren und auf sie Rücksicht genommen werden musste, wurde die Gruppe letztlich noch zusammen geschweißt. Der Referent nutzte den Konflikt, um das Thema zu erläutern und wertete ihn so aus, dass in der Gruppe keine negativen Gefühle zurück blieben.

4.4. Zweiter Block: 2. Teil – Vortragseinheit Interkulturelle Kommunikation

Herr Prof. Höhne (Studiengang Kulturmanagement der Hochschule für Musik »Fanz Liszt« Weimar) erläuterte die Entstehung von Vorurteilen exemplarisch an historischen Karikaturen. Anschließend wurden Kommunikationsmodelle erläutert und mit Beispielen, die in Gruppenarbeit erarbeitet wurden, belegt. Anhand eines Videos wurde dann ein Beispiel einer misslungenen interkulturellen deutsch-tschechischen Kommunikation in einem wirtschaftlichen Betrieb gezeigt und analysiert.

4.5. Dritter Block: 1. Teil – Projektwerkstatt

An die beiden Einheiten »Sprache« und »Interkulturelle Kommunikation« schlossen sich dann zwei Einheiten an, die auf die Gruppe bezogen waren. Am Donnerstag wurde mit den Teilnehmern eine Projektwerkstatt durchgeführt. Diese bot den Teilnehmern anfangs Raum, ihre eigenen laufenden oder bereits abgeschlossenen Projekte – sofern sie welche verfolgten – der Gruppe vorzustellen. Auf diese Weise konnte man einander besser kennen lernen und mögliche Vernetzungspotentiale aufzeigen. Anschließend wurden in Impulsreferaten durch die Seminarleiter wichtige Elemente des Projektmanagements erläutert und zur Diskussion gestellt, wobei sich auch hier interessante Möglichkeiten zur Diskussion kulturbedingt unterschiedlicher Herangehensweisen aufzeigten. Im Anschluß an diese Referate waren die Teilnehmer gefragt, in Kleingruppen eigene Projektideen zu entwickeln. Die Aufgabenstellung durch die fingierte Ausschreibung eines Projektes vorgegeben. Nach der Kleingruppenarbeit konnte am späteren Nachmittag eine »Konferenz« stattfinden, auf dem die Projektgruppen dem Publikum ihre Ideen präsentierten. Die Projekte reichten von einem »Mitteleuropäischen Festival des zeitgenössischen Stummfilms« über »Interkulturelle Musiktage«, einen deutsch-tschechisch-polnischen Jugendaustausch bis zu »Auf dem Jugendschiff ins Gemeinsame Europa«.

4.6. Dritter Block: 2. Teil – Teambuilding-Einheit

Der zweite Teil des gruppenbezogenen Programms war ein Tagesausflug ins Elbsandsteingebirge, der von zwei Erlebnispädagogen von der Organisation »TeamErlebnisNatur« durchgeführt wurde. Vorbereitend für den Höhepunkt des Tages – das gemeinsame Klettern an einem Felsen – wurden Spiele gemacht und Aufgaben gestellt, die das Gruppenzusammengehörigkeitsgefühl weckten, da sie nur in gemeinsamer Anstrengung des Teams gelöst werden konnten. Wichtig waren hierbei vertrauensbildende Übungen, da es beim anschließenden Klettern wichtig war, sich auf den anderen verlassen zu können, der das Seil sicherte, an dem man sich abseilte.

4.7. Follow-up-Programm/Onlinebereich für das Seminar

Um eine höhere Nachhaltigkeit zu gewährleisten, wurde für sämtliche Seminarteilenehmer eine geschützter exklusiver Online Betreuungs- und Informationsbereich eingerichtet, der über die Seiten der Brücke/Most-Stiftung (http://www.bruecke-most-stiftung.de/seminare) bzw. der GFPS (http://www.gfps.org) erreicht werden kann. Der Zugang ist durch individuelle Passwörter geschützt. Dieser Bereich enthält:

  1. Die wichtigsten Informationen zum Seminar
  2. Informationen über die Referenten und Seminarleiter mit der Möglichkeit zum Kontakt per Email.
  3. Die Möglichkeit zur Modifikation und Weiterentwicklung des eigenen Teilnehmerprofils.
  4. Ein Diskussionsforum, in dem die Teilnehmer weiterhin in Kontakt bleiben können.
  5. Eine Liste mit wichtigen Links zum Thema, die auch von den Teilnehmern weitergestaltet werden kann
  6. Einen Downloadbereich, in den weiterführende Materialien hoch- und runtergeladen werden können.
  7. Eine Fotogalerie, in die die Teilnehmer eigene Fotos hochladen können.

5. Auswertung und langfristige Nutzbarkeit für die GFPS e.V.

Die Teilnehmer äußerten sich alle sehr positiv über das Programm und den Ablauf des Seminares. In der Auswertung wurde häufig betont, dass die Teilnehmer neue Denkanstöße und neue Erkenntnisse darüber mitgenommen haben, was für eine große Rolle interkulturelle Verständigungsprobleme gerade im Alltäglichen spielen. In dem Seminar hat in seinem begrenzten Zeitumfang dazu beigetragen, den Teilnehmern die Fähigkeit zu vermitteln, diese Konflikte zu erkennen und so mit mehr Toleranz auf ihre Gegenüber einzugehen. Der Tag im Elbsandsteingebirge wurde für das Teambuilding als sehr positiv empfunden, was auch an der guten Zusammenarbeit zu sehen war.

Auch aus Sicht der Seminarleiter handelte es sich um ein sehr gelungenes Seminar, da die Erwartungen an die Referenten erfüllt wurden und es gelang, unter den Teilnehmern einen Gruppenbildungsprozess in Gang zu setzen. Der extra für das Seminar eingerichtete Internetbereich wird die weitere Kommunikation unter den Teilnehmern unterstützen und somit diesen Prozess fort führen.

Für die GFPS ergeben sich aus dem Seminar mehrere Erträge. Zum einen ist das Seminar das erste Projekt der GFPS, bei dem nicht nur fortwährend interkulturelle Kommunikation stattfindet, sondern diese auch Gegenstand ist. Es wurde an diesem Thema gearbeitet – und die Teilnehmer konnten konkretes Handwerkszeug mit nach Hause nehmen, wie interkulturelle Konflikte erkannt und besser auf sie reagiert werden kann. Die GFPS ist als trinationale Organisation besonders gut geeignet, solche Seminare anzubieten – so konnte beispielsweise in der Projektwerkstatt konkret auf die Erfahrungen der Organisatorin aus der jahrelangen trinationalen Projektarbeit in der GFPS zurückgegriffen werden. Nach dem erfolgreichen Abschluß des Seminars eröffnet sich für die GFPS die Möglichkeit mit einer Fortführung als Seminarreihe ihr Profil um einen Bereich zu erweitern, der originär in ihre Kompetenz fällt. Des weiteren liefert das Seminar Anhaltspunkte, die erfolgreiche interkulturelle Zusammen innerhalb der GFPS noch weiter zu verbessern. Zum dritten konnten mit diesem Seminar erneut eine Reihe von Interessenten für die Arbeit der GFPS gewonnen werden. Diese sind von sich aus schon an der trinationalen Struktur der Gemeinschaft interessiert und sind nicht, wie es oft der Fall ist, rein bilateral orientiert. Die Teilnehmer sind durch den online-Bereich weiterhin mit der GFPS verbunden und werden über ihre Projekte und Mitwirkungsmöglichkeiten informiert.

Ina Gamp