GFPS e. V. > 2003 > Schreibwerkstatt > Haut

Die Autorin beim Vortrag am Abend
Iwona sitzt an meinem Tisch, ihre Lederjacke, zur Imprägnierung mit Babylotion eingecremt, bleibt an der Tischoberfläche kleben. Sie will sie nicht ablegen.
Iwona ist älter als ich. In ihrem Alter sollte man schon lange Faltencreme benutzten, ein Kind haben, eine Last tragen.
Irgendwo auf dem Weg ist sie ausgestiegen, sie erzählt vom Studienanfang, von einem langen Winter und von Reisen mit den Soziologen.
Ich sehe sie vor mir, wie sie, nur in Unterwäsche und mit Sonnenbrille, auf dem Balkon steht, im Hintergrund der weiße Schnee.
Sie hat so ein Foto, damals rauchte sie noch Sobieski, es war in den frühen Neunzigern, man trank mehr, die Zukunft stand gänzlich offen.
Aber dann? Gemietete Zimmer und Geschichte, die sie nicht erzählt, sie verpasste keines der Konzerte von Malenczuk, es war immer Winter, die Lesesäle dicht gefüllt mit Atem.
Einmal, in einem schlecht beheizten Zimmer, hatte sie versucht, ihr ganzes Blut zur Ader zu lassen. Das ist eine jener Geschichten, die sie nicht erzählt. Rein sein und stumm, ohne diesen vibrierenden Lärm im Inneren. Aufs Ganze gehen, alle Adjektive vergessen. Zu viele Adjektive.
Jetzt versucht Iwona, ihr Studium zu beenden, ihre Magisterarbeit über Selbstmord in fünf Kapiteln zu schreiben, eine ordentliche Bibliographie zu erstellen. Ich übersetze englische Texte für sie, auf meinen Knien ruht das schwere Collins Wörterbuch, die Worte »atrocity«, »awe« und »redemtion« sind auf seidig glattem Papier gedruckt.
Ich berühre die Seiten des Wörterbuchs, um nicht an dich zu denken, der du noch vor kurzem keinen Namen hattest. Aber mein Pullover riecht immer noch nach der gestrigen Nacht, nach der Bekanntschaft, die mit dem Aufzählen der Bands begann, die man liebt, wirklich liebt.
So viel haben wir in jener Nacht ausgesprochen, dass ich am Morgen, als wir auf die ersten Straßenbahnen blickten, die Richtung Huta fuhren und zusammen die letzte Zigarette rauchten dachte – ich will dich gar nicht mehr wieder sehen. Ich muss nicht. Ich will rein sein und stumm.
Ich nehme dich mit an die Weichsel – hast du gesagt – auf dem Wasser werden eine Menge Blätter treiben. Wir könnten zusammen Haschisch rauchen, ein Kind haben. Du hast mich nach meiner Telefonnummer gefragt. Der Mann, der die Straße abspritzte, lieh dir seinen Kugelschreiber.
Du hast Spuren hinterlassen auf meiner Haut, auf dem Pullover.
Man könnte sie abwaschen, oder ihnen folgen. Dann entstünde eine kleine Perle. Aufgefädelt auf dem Lebensfaden würde sie in der Sonne glänzen. Andächtig die Perlen aneinanderreihen, in Iwonas Alter einen hübschen Rosenkranz haben, ihn zwischen den Fingern hindurchgleiten lassen.
Iwonas Faden ist gerissen, aber sie sitzt hier, an meinem Tisch, ohne die Lederjacke abzulegen.
Ich gieße ihr noch Kaffee ein, zünde ihr eine Zigarette an, notiere für sie englische Wörter.
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Letzte Änderung: 15.05.2006