Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS) e. V.

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Die »Gemeinschaft zur Förderung von Studien-Aufenthalten polnischer Studierender in Deutschland« (GFPS e.V.)

– Entstehungsgeschichte eines einzigartigen Joint Venture in den deutsch-polnischen Kulturbeziehungen

Dieser Text erschien in der »Zeitschrift für Kulturaustausch«, Heft 4/89, Stuttgart 1989

Es war im Sommer 1980. Ich befand mich in Lublin als Teilnehmer der Sommerschule für polnische Sprache und Kultur an der Katholischen Universität Lublin. Es war mein erster Polen-Aufenthalt. Durch Zufall lernte ich eine Germanistik-Studentin kennen, die mir half, aus dem amerikanisch dominierten Ghetto der Ausländer herauszukommen, die Polnisch lernen wollten. Ihr Name war Jolanta. Sie zeigte mir den Botanischen Garten, und bald lud sie mich auch zu sich nach Hause ein. Sie erzählte mir von ihrer Familie, ihrem Studium, von den Streiks dieser Juli-Tage in Lublin, die dem in die Geschichte eingegangenen »Danziger August« vorangingen. Ich erzählte ihr, warum ich – einer spontanen Eingebung folgend – nach Polen gekommen war, daß ich Jura und ein wenig Philosophie studiere, und wie Freiburg aussieht. Sie sagte, daß sie im Jahr zuvor in Erfurt in der DDR gewesen sei, aber auch einmal gerne die Bundesrepublik besuchen würde. Am liebsten, fügte sie, die Germanistikstudentin, hinzu, ein Auslandssemester lang zum Studium. Ein verständlicher Wunsch. Wie aber realisieren, wenn die eigene Währung nicht konvertibel ist, wenn man noch soviel sparen kann und es doch nichts nützt, weil man mit einem Monatsgehalt der polnischen Währung auf dem Schwarzmarkt gerade dreißig bis fünfzig Mark erhält? Ein schier unmögliches Unterfangen! Es sei denn, es gäbe Stipendien. Zufällig hatte ich die Adresse des Deutschen Akademischen Astausch-Dienstes (DAAD) in Bonn im Kopf. Ich riet Jolanta, einmal dorthin zu schreiben.


März 1981. Inzwischen hatte ich mich entschlossen, ein Jahr in Polen zu studieren. Um vor diesem Studienauenthalt möglichst viel Polnisch zu lernen, nutzte ich jede freie Minute, nach Polen zu fahren. Es waren Semesterferien. Natürlich besuchte ich auch Jolanta. Ich war gespannt, ob sie mittlerweile an den DAAD geschrieben und womöglich gar schon ein Stipendium für ein Gastsemester in der Bundesrepublik in Aussicht hatte.

Sie zeigte mir das Antwortschreiben des DAAD: 10 Stipendien für graduierte Germanisten. 10 Stipendien für studierende Germanisten aus Polen. »Na und?«, wollte ich wissen. Sie zuckte resigniert mit den Schultern und verwies auf das P.S. Dort stand (sinngemäß): »Wir weisen Sie daraufhin, daß Sie sich nicht direkt beim DAAD bewerben können, sondern dies über das Hochschulministerium oder die Polnische Akademie der Wissenschaften in Warschau tun müssen.« Zu all diesen Institutionen war sie gelaufen. Die einen hatten ihr gesagt, sie solle doch in die DDR gehen, da könne man schließlich auch hervorragend Germanistik studieren; die anderen meinten herablassend, sie solle doch erst einmal ihr Studium beenden, dann könne man weitersehen. Als sie den Brief des DAAD herauszog, in dem schwarz auf weiß zu lesen war, daß es auch für studierende Germanisten Stipendien gibt, kam schließlich die Auskunft: »Wir wünschen keine Studienaufenthalte polnischer Studenten in der Bundesrepublik Deutschland.«

Empört über diese Art der Behandlung schlug ich Jolanta vor, am nächsten Tag nach Warschau zu fahren, um diesen Sachverhalt in der Kulturabteilung der bundesrepublikanischen Botschaft vorzutragen. Wenn auch ihrem Lächeln zu entnehmen war, daß sie nicht unbedingt an den Erfolg meines Vorhabens glaubte, willigte sie doch mit der Bemerkung ein, in der Nähe der Botschaft gebe es die beste Bäckerei in Warschau, und allein deswegen lohne sich ein Ausflug dorthin.

Die Dame in der Kulturabteilung der Botschaft war von unserer Erzählung einigermaßen betroffen. »Das sieht ja nach Boykott aus«, sagte sie, und: »Uns sagen sie immer, es bestünde seitens der Studenten kein Interesse.«

Sie ließ sich erweichen und händigte uns die Bewerbungsunterlagen für ein DAAD-Stipendium aus, wobei sie versprach, diese ohne den Umweg über das polnische Ministerium direkt an den DAAD zu schicken. Glücklich verließen wir die Botschaft: endlich eine Perspektive. Als Belohnung kaufte Jola Kuchen in der nahegelegenen Bäckerei für die Rückfahrt nach Lublin.

In Lublin berichtete sie ihrer Studienfreundin Anna von unserer erfolgreichen Warschau-Reise, die sich spontan entschloß, sich ebenfalls auf diese »direkte« Weise um ein DAAD-Stipendium für studierende Germanisten zu bewerben. So machten wir, Jola, Anna und ich, uns an die Arbeit: Ausfüllen der Antragsformulare, Übersetzung des polnischen Studienbuches, Besorgung von Gutachten und Paßphotos.


Eine Woche später mußte ich zurück nach Deutschland. Da ich ohnehin in Warschau umsteigen mußte, nahm ich die Unterlagen mit und gab sie vereinbarungsgemäß in der Botschaft ab, die sie weiter an den DAAD nach Bonn schicken sollte. Auf der Zugfahrt von Warschau nach Freiburg stieg ich unterwegs in Bonn aus. Warum? Ich wollte unbedingt beim DAAD in diesen Stipendienangelegenheiten für Jola und Anna vorsprechen. So sehr war ich bereits in diese Sache involviert, daß ich sicher gehen wollte, daß sie zu einem guten Ende komme. Doch, oh Schreck, der zuständige DAAD-Vertreter gab mir zu verstehen, daß zwar genügend Geld da sei, da diese Stipendien für Studenten von der polnischen Seite kaum in Anspruch genommen würden, der DAAD aber durch Vertrag an ein bestimmtes Verfahren der Stipendienvergabe gebunden sei, das nun einmal den Weg über offizielle Stellen vorsehe.

Die in der Botschaft sind wohl verrückt geworden, die Unterlagen hinter dem Rücken des polnischen Ministeriums hierher zu schicken, fügte er hinzu. Es war dies eine Ohrfeige, wie ich sie lange nicht mehr bekommen hatte.

Auf der Weiterfahrt im Zug nach Freiburg dachte ich nach: Sollte ich an Außenminister Genscher schreiben, um mich über die Unsinnigkeit solcher Vertragsvereinbarungen auszulassen? Ich war wütend und frustriert zugleich. Dann fiel mir ein, – und dieser Gedanke verfolgte mich bis Freiburg – daß Leute aus Polen die Ausreiseerlaubnis auch dann bekommen können, wenn sie eine Einladung vorweisen, aus der hervorgeht, daß jemand für Unterkunft und Verpflegung, die Krankenversicherung und die Reisekosten aufkommt. Warum also kompliziert (über das polnische Ministerium und die deutsche DAAD-Bürokratie), wenn es auch einfach geht. Es müßte mir nur gelingen, einen Zulassungsbescheid der Universität Freiburg für Jola und Anna zu bekommen und eine Institution zu finden, die eine solche Einladung ausspricht. Mit diesen Gedanken kam ich in Freiburg an.

Bereits am nächsten Tag sprach ich im Akademischen Auslandsamt der Universität wegen des Zulassungsbescheids vor. Ein fast aussichtsloses Unterfangen, hatte ich doch lediglich Name, Adresse und Geburtsdatum von Jola und Anna bei mir. Doch beeindruckt von der genazen Geschichte, die ich ihm erzählte, setzte sich der zuständige Beamte an die Schreibmaschine und stellte ohne Zögern die gewünschten Zulassungsbescheide aus. Als nächstes brauchte ich eine Bescheinigung, aus der hervorging, daß Jola und Anna eine Unterkunft hatten. Der Leiter des Studentenheimes, den ich daraufhin ansprach, hatte keine freien Zimmer, bescheinigte mir jedoch auf mein Drängen hin fiktiv, daß im Sommersemester 1981 ein Zimmer für Jola und Anna reserviert sei. Ich hatte ihm erklärt, daß das Ganze nur ein Experiment sei. Schließlich fehlte noch eine dritte Bescheinigung, aus der hervorging, wer für den Unterhalt, die Krankenversicherung und die Reisekosten aufkomme. Diesmal mußte ich zur Selbsthilfe greifen. Ich »lieh« mir einige Bogen des Briefpapiers der Katholischen Hochschulgemeinde Freiburg, in der ich engagiert war. Darauf bestätigte ich, daß die Gemeinde die Aufenthaltskosten für die beiden polnischen Studentinnen tragen werde.

Mit diesen drei Dokumenten »bewaffnet« fuhr ich alsbald nach Lublin zurück. Sie lösten bei Jola und Anna helle Begeisterung aus und verhalfen ihnen schon nach zwei Wochen zum begehrten Paß, was mich wiederum in Alarm versetzte, denn ihr Studienaufenthalt in Freiburg war ja von deutscher Seite aus gänzlich unvorbereitet. Es war mein Glück, daß die Wartezeit auf das deutsche Visum sechs Wochen betrug, so daß ich nach Freiburg zurückfahren und den Aufenthalt der beiden Mädchen vorbereiten konnte.

Jetzt mußte ich dafür sorgen, daß all dies, was bisher nur auf dem Papier zugesichert war, nämlich Unterkunft, Verpflegung, Krankenversicherung, Reisekosten auch tatsächlich gewährleistet wurden. Ich ging also zum Leiter des Studentenheims und teilte ihm mit, daß das Experiment »leider« gelungen sei und daß in Kürze die polnischen Studentinnen hier einträfen. Er war recht wütend und gestand mir ein Gästezimmer für Jola und Anna zu, wohlgemerkt nur für zwei Wochen. Später konnte ich meine Vermieterin dafür gewinnen, ein Zimmer sehr billig für die beiden Mädchen zur Verfügung zu stellen. Die für den Studienaufenthalt notwendigen Geldmittel sammelte ich bei einem Dia-Vortrag über Polen, den ich auf einem Seminar hielt. Hier kamen die ersten 400 Mark zusammen.

Der Studentenpfarrer erklärte sich bereit, eine Sonntagskollekte für den Studienaufenthalt der polnischen Germanistinnen zu spenden. Als dann noch Freunde zwei gebrauchte Fahrräder zur Verfügung stellten, war ich einigermaßen beruhigt. Jola und Anna konnten kommen. Sie kamen am 1. Mai 1981, etwas verspätet zum Sommersemester, nach Freiburg.

Jola und Anna waren die ersten, die auf diese neue, unkonventionelle Art zu einem Studienaufenthalt in die Bundesrepublik kamen. Doch schon standen die nächsten Interessenten vor der Tür.

Wiederum Studentinnen aus Lublin, die an einem Sommersprachkurs in Freiburg teilnehmen wollten. Sowohl die kirchlich getragene Sprachschule als auch die Universität Freiburg waren bereit, auf die Kursgebühr zu verzichten. In Ferien fahrende Studenten stellten ihre Studentenbuden für die Kommilitonen aus Polen zur Verfügung: selbstverständlich unentgeltlich.

Die Aufenthaltskosten wurden wiederum aus verschiedenen Quellen zusammengetragen. Doch der Studentenpfarrer war inzwischen nicht mehr bereit, sein Briefpapier für eine Stipendienbescheinigung zur Verfügung zu stellen. Es blieb nur ein Ausweg: Ich mußte mir den Namen einer Organisation ausdenken und selbst einen Briefkopf herstellen. Bei all den modernen Kopierverfahren war dies technisch kein Problem. Der Name, den ich schließlich erfand und der alsbald, inklusive Postfach und Kontonummer, auf dem Briefpapier prangte, lautete: »Gemeinschaft zur Förderung von Studienaufenthalten polnischer Studenten in der Bundesrepublik Deutschland«, abgekürzt durch die vier Großbuchstaben G F P S. Diese »Gemeinschaft« war zu diesem Zeitpunkt ganz gewiß noch eine Fiktion; sie war auch schon eine Vision, eine antizipierte Realität. Mit Hilfe dieses Briefkopfs, den eine graphisch bewanderte Studienfreundin gestaltet hatte, lud ich die fünf Studentinnen aus Lublin zum Sommerkurs nach Freiburg ein. Deren Aufenthalt war sehr improvisiert, es gab etliche Pannen, zumal ich, kaum nachdem sie eingetroffen waren, zu einem insgesamt sechzehnmonatigen Studienaufenthalt nach Polen aufbrach.

Das wichtigste zu diesem Zeitpunkt – im Sommer 1981 – war die Erkenntnis: Es geht: mit gutem Willen und Mut zur Improvisation.


Die sechzehn Monate in Polen vertieften in mir die Überzeugung von der Notwendigkeit von Studienaufenthalten polnischer Studenten in der Bundesrepublik. Ob in Lublin beim Seminar über Hegels Phänomenologie des Geistes oder in Krakau bei der Vorlesung über das Zeitverständnis Martin Heideggers, überall war das Interesse an deutscher Philosophie sehr groß. Zahlreiche Studenten streben ernsthaft danach, die deutschen Autoren im Original zu lesen. Sind auch die Klassiker der deutschen Philosophie noch im Original in den Universitäts- und Institutsbibliotheken zumeist vorhanden, so gilt dies schon weniger für neuere Autoren und für die Sekundärliteratur, die aus Devisenmangel leider nur in begrenztem Maß eingekauft werden kann. Wer sich ernsthaft beispielsweise mit Heidegger beschäftigen will, muß einmal eine gute deutsche Bibliothek durchforstet haben. Am besten in Freiburg, von wo aus er dann auch zu Heideggers Hütte in Todtnauberg fahren, den Feldweg begehen und in die Lichtung treten kann. Die Beschäftigung mit deutscher Wissenschaft betrifft keineswegs nur die Philosophie; das für sie Gesagte gilt pars pro tot für viele andere Fächer bis hin zu den technischen Disziplinen: Germanistik, Geschichte, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, Kunstgeschichte, Physik, Informatik, Medizin.


13. Dezember 1981. Über Polen wird das Kriegsrecht verhängt. Zu der Zeit bin ich in Lublin. Viele Ausländer verlassen das Land. Ich entscheide mich, in Polen zu bleiben. Der äußere Druck schweißt die Menschen zusammen. Ich denke darüber nach, ob die Vision GFPS, die Vision, daß polnische Studenten zu einem Studienaufenthalt in die Bundesrepublik Deutschland kommen können, jemals unter diesen Umständen Wirklichkeit werden kann. Ich zweifle, aber glaube.


Sommer 1983. Inzwischen bin ich aus Polen zurückgekehrt und studiere wieder an der Universität Freiburg. Mit dem bekannten GFPS-Briefpapier lade ich vier Personen aus Polen zum internationalen Sommerkurs für deutsche Sprache und Kultur an die Universität Freiburg ein. Die Universität hat wieder auf die Kursgebühr verzichtet, Freunde haben kostenlos Zimmer bereitgestellt. Zweien wird die Ausreise verweigert, die anderen beiden können kommen. Ein Wiederanfang ist gemacht. Einige meiner Freunde und Bekannten lernen die beiden Gäste aus Polen näher kennen: Beide sind Philosophen, die ich aus dem Hegel-Seminar kenne. Der eine ist der Seminarleiter, schwerbehinderter Philosophie-Dozent, an den Rollstuhl gefesselt. Sein tiefer Wunsch war es gewesen, seine Deutschkenntnisse zu verbessern und in der Bibliothek nach Materialien für seine Habilitationsschrift zu schauen. Bei dem anderen handelt es sich um einen Philosophie-Studenten, der gerade sein Studium abgeschlossen hat und am liebsten ein ganzes Studiensemester in Freiburg verbringen möchte, um seine Promotion vorzubereiten.

Ein Freund denkt sich die Aktion »30x20« aus: Er hält es für möglich, 30 Menschen zu finden, die sich verpflichten, 5 Monate lang 20 Mark zu bezahlen und damit Lech (so der Name des genannten Philosophie-Studenten) ein Semester lang ein Stipendium von 600 Mark monatlich zu finanzieren. Auf einer Exkursion des historischen Seminars der Universität Freiburg nach Polen im September 1983 gelingt der Durchbruch. Auf der Rückreise ergreift er im Reisebus das Mikrophon und wirbt für diese Idee; auf der Liste, die er daraufhin in Umlauf gibt, tragen sich 22 Polen-Fahrer, darunter auch zwei Professoren, ein. Die restlichen acht sind schnell gefunden. Lech kann sein Semester Philosophie an der Universität Freiburg studieren.


Diese dreißig Menschen bildeten von nun an den Kern der Gemeinschaft zur Förderung von Studienaufenthalten polnischer Studenten in der Bundesrepublik Deutschland. Es war uns klar, daß wir nicht für jeden polnischen Studenten, den wir zu einem Studienaufenthalt nach Deutschland einladen wollten, dreißig Sponsoren finden konnten. Das wäre wohl etwas zu mühsam gewesen. Davon abgesehen, manche wollten Dauersponsoren bleiben, also nicht nur das Stipendium von Lech, sondern auch künftige Stipendien finanzieren. So drängte sich bald der Gedanke auf, einen Verein zu gründen. So könnte man bereitwillige Unterstützer der Idee als Mitglieder dauerhaft in die Initiative einbinden, aber doch auch durch die Mitgliedsbeiträge über einen festen finanziellen Grundstock für die Stipendienvergabe verfügen. Eine siebenköpfige Projektgruppe bereitete in vielen Abendsitzungen im Wintersemester 1983/84 – dem Semester, in dem Lech bei uns zu Gast war – die Vereinsgründung vor. Jola, Lech und fünf deutsche Studenten nahmen daran teil. Von vorneherein war uns klar, daß wir uns an eine breite Öffentlichkeit wenden sollten und auf deren Unterstützung angewiesen waren. Doch wie sollten wir als Initiative unbekannter Studenten an die Öffentlichkeit treten? Jemand kam auf die Idee, einen Unterstützerkreis zu bilden, dem namhafte Personen aus Wissenschaft und öffentlichem Leben angehören sollten. Jeder von uns fragte seine Lieblingsprofessoren, ob sie nicht diesem Unterstützerkreis beitreten wollten, und siehe da: Alsbald fanden sich zwölf renommierte polnische und deutsche Wissenschaftler in diesem Unterstützerkreis und damit auch auf unserem Briefpapier wieder. Darunter waren beispielsweise der Bundesverfassungsrichter Professor Ernst-W. Böckenförde, der Historiker Professor Heinrich-August Winkler oder die Pianistin Professor Edith Picht-Axenfeld. Polnischerseits gehörten der Krakauer Philosoph Professor Józef Tischner, der Historiker Professor Władysław Bartoszewski, der frühere Assistent von Karol Wojtyla Professor Tadeusz Styczeń sowie der Kunsthistoriker und Verleger Professor Jacek Wozniakowski dazu.


Am 16. Februar 1984 wurde der Verein schließlich im Leseraum eines Freiburger Studentenheimes von 22 deutschen und polnischen Studenten gegründet. Den ersten Schritt an die Öffentlichkeit wagten wir drei Monate später, als wir mehr als dreihundert Personen zu einer Gründungsfeier in den Großen Saal des Lorenz-Werthmann-Hauses in Freiburg, der Zentrale des Deutschen Caritasverbandes, luden. Etwa siebzig Personen folgten der Einladung und informierten sich über die viele in Erstaunen versetzende studentische Initiative. Damals sprachen unser Stipendiat Lech Ostasz, Professor Wozniakowski, Kazimierz Woycicki – heute Deutschland-Experte der Solidarność – und ich als gewählter Vorsitzender des neuen Vereins. Auch die Musik war deutsch-polnisch gemischt: eine polnische Geigerin, ein deutscher Pianist, Werke von deutschen und polnischen Komponisten. Einher mit der Gründungsfeier ging eine Pressekonferenz, die eine erstaunlich gute Resonanz in Form von zehn Artikeln, nicht nur in lokalen Zeitungen, brachte.


Genug der Vorgeschichte, die zeigt, wie eine einzigartige deutsch-polnische Stipendienorganisation entstand. Einzigartig, weil hier das Stipendium nicht aus einem Scheck besteht, sondern ein Mosaik verschiedener Beiträge zu diesem Stipendium darstellt. Die einen stellen kostenlos ein Zimmer zur Verfügung, die anderen eine Geldspende, wieder andere ein Fahrrad, viele ganz einfach »nur« ihre Zeit. Jedes Stipendium ist also eine Gemeinschaftsleistung. Das Wort Gemeinschaft hat von daher seine Berechtigung; es will zum Ausdruck bringen, daß ganz konkrete Menschen diese Stipendieninitiative tragen, daß so etwas wie eine »zwischenmenschliche Infrastruktur« die Voraussetzung der ganzen Sache ist. Eine deutsch-polnische Infrastruktur – versteht sich – zu der auch bald die polnischen Stipendiatinnen und Stipendiaten sowie die für die Auswahl verantwortlichen polnischen Wissenschaftler gehören. Einzigartig vielleicht auch deshalb, weil trotz der mittlerweile erlangten Größe der Stipendienorganisation, das Prinzip der ausschließlich ehrenamtlichen Mitarbeit durchgehalten werden konnte.


Dieses Bild bietet die GFPS heute (1989), fünf Jahre nach ihrer Gründung als Verein: Sie konnte – sage und schreibe – 162 (!) polnische Studentinnen und Studenten 1 zu einem Studienaufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland verhelfen, sei es durch Semesterstipendien oder durch Sommerkursstipendien. Sie hat knapp dreihundert Mitglieder in der ganzen Bundesrepublik und ist an dreizehn Hochschulorten mit einer Stadtgruppe vertreten. Eine Stadtgruppe besteht aus mindestens fünf Mitgliedern der GFPS, die den Aufenthalt des polnischen Gastes vor Ort vorbereiten; sie bemühen sich um die Zulassungsformalitäten an der Universität, die Unterbringung und die Finanzierung des Stipendiums. Sie sind aber auch während des Aufenthalts der Stipendiaten Ansprechpartner, die oft zu Freunden werden, Menschen, die die polnischen Studenten ein Stück in ihren Lebenskreis miteinbeziehen, sie einladen: zu Ostern, zu Weihnachten, zum Wandern, zum Skifahren, zum Essen, zur Buchmesse. Stadtgruppen der GFPS gibt es in Freiburg, München, Regensburg, Heidelberg, Eichstätt, Frankfurt a.M., Mainz, Bonn, Köln, Bielefeld, Münster, Hamburg und neuerdings auch in Berlin.

Die GFPS finanziert sich – wie in uralten Zeiten – aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden; hinzugekommen sind daneben Patenschaften von Rotary- oder Lions-Clubs oder Vereinigungen der Wirtschaftsjunioren und anderen. Ganz entscheidend zur Stärkung der Arbeit der GFPS hat die – in deutsch-polnischen Angelegenheiten so verdienstvolle – Robert Bosch Stiftung in Stuttgart beigetragen, die seit mehreren Jahren bis zu zwölf Semesterstipendien für Doktoranden im geisteswissenschaftlichen Bereich finanziert.

Weil diese Stipendienorganisation zuallererst aus Menschen besteht, deutscherseits aus Polen-Interessierten, polnischerseits aus Deutschland-Interessierten, liegt es in der Natur der Sache, daß diese Menschen miteinander sprechen und einander helfen, das jeweils andere Land besser kennen- und verstehen zu lernen. Der kulturelle Austausch ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit der GFPS.

Jede Stadtgruppe in Deutschland ist hierbei mehr oder weniger engagiert. Nicht nur berichten die Stipendiaten über ihr Heimatland, es werden auch Professoren, Literaten, Künstler, Politiker von der GFPS in die verschiedenen Städte eingeladen. Viele Male hat der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 1986, Professor Władysław Bartoszewski, auf Einladung von GFPS-Stadtgruppen referiert. Der neue polnische Premier Tadeusz Mazowiecki war im November 1987 zwei Tage Gast der Freiburger GFPS. 1985 veranstaltete die GFPS ein Symposium aus Anlaß des 20. Jahrestages des Briefwechsels zwischen den polnischen und deutschen katholischen Bischöfen sowie des 15. Jahrestages der Unterzeichnung des »Warschauer Vertrags«.

Die polnische Seite der GFPS, das sind vor allem die ehemaligen Stipendiaten und die Mitglieder der Auswahlkommissionen, ist gerade dabei, auch so etwas wie polnische Stadtgruppen ins Leben zu rufen. Allen voran die Krakauer Gruppe, die häufig Deutsche zu Gast hat, die etwas Interessantes aus Deutschland zu berichten haben. Wie die deutschen Studenten sich um die polnischen Gäste kümmern, so kümmert sich diese Gruppe Krakauer Studenten um Deutsche, die in Krakau studieren. In diesem Jahr veranstalteten sie gar einen Polnisch-Sprachkurs für die deutschen Freunde auf einer alten Burg in Südpolen. Jeden Sommer laden die ehemaligen Stipendiaten interessierte Deutsche (auch aus der DDR) zu »Ferien in Polen« ein: in die Hohe Tatra, das Bieszczady-Gebirge oder an die Masurischen Seen.


Also ein Bemühen um Symmetrie, um Partnerschaft. Die polnischen Studenten wollen nicht zu bloßen Empfängern deutscher Hilfe degradiert werden. Sie haben es nicht verschuldet, daß ihre Währung nicht konvertibel ist und sie deshalb aus eigener Kraft nicht ins wesentliche Ausland fahren können. Sie möchten gleichberechtigte Partner eines deutsch-polnischen Dialogs sein. Um diesen Dialog bemüht sich die GFPS auch auf gemeinsamen deutsch-polnischen Seminaren, den GFPS-Foren, die einmal im Jahr abwechselnd in der Bundesrepublik Deutschland und in Polen (mit bis zu achtzig Teilnehmern) stattfinden. Hier wurden in den vergangenen Jahren philosophische, literarische und historische Themen diskutiert


GFPS – das ist fast schon eine »unendliche Geschichte«. Abschließend möchte ich einen Freund der GFPS zitieren, um den und mit dem viele von uns in diesen Tagen bangen und beten. Tadeusz Mazowiecki schrieb bei seinem Besuch im Freiburger »GFPS-Zentrum« folgende Zeilen in unser Gästebuch:

Mit großer Freude habe ich das »GFPS-Zentrum« in Freiburg näher kennengelernt. Ich halte Eure Initiative, von unten, authentisch, »ohne jegliche Bürokratie« eine Institution zu schaffen, die sich für die Annäherung der jungen Generation von Polen und Deutschen einsetzt und polnischen Sttudenten hilft, für großartig und beispielhaft. Der Geist Eurer Arbeit ist mir sehr nah. Ich wünsche, daß Ihr diesen Geist auch in Zukunft nie verliert und grüße Euch von Herzen.

Um diesen Geist nicht zu verlieren, sind wir in der GFPS immer wieder auf Menschen angewiesen, die sich von dieser Sache be-geist-ern lassen.


  1. 1996, 12 Jahre nach der Gründung waren es bereits über 450 Stipendien ↩︎

Georg Ziegler